Aktiv in den Dialog mit den Zeitgenossen eintreten, gemeinsame Anknüpfungspunkte suchen im Denken und im Handeln, aber auch das Spezifische der christlichen Botschaft nicht verschweigen: Das können Christinnen und Christen vom Apostel Paulus und seinen Erfahrungen auf dem Areopag und auf dem Markt in Athen lernen, erklärte der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann beim traditionellen ökumenischen Gottesdienst am Buß- und Bettag (22. November 2023) in der evangelischen Konstantin-Basilika in Trier. Präses Dr. Thorsten Latzel von der Evangelischen Kirche im Rheinland rief dazu auf, „ehrlich mit den Schattenseiten unserer Kirchen umzugehen“.

Ackermann schlug den Bogen von der wenige Tage zuvor veröffentlichten 6. Kirchenmitgliedsschaftsuntersuchung der evangelischen und der katholischen Kirche zur Leitfrage des Gottesdienstes, wie es gelingen könne, die Botschaft der Kirchen auch weiterhin verständlich und relevant in die heutige Lebenswirklichkeit der Menschen hineinzubringen. Die Umfrage habe „in ungeschminkter Weise“ bestätigt, dass das, „was wir im Glauben und in unseren Kirchen als selbstverständlich annehmen, von sehr vielen Menschen nicht mehr verstanden wird“. Die Religiosität der Menschen gehe insgesamt erkennbar zurück. Und so sei es nicht verwunderlich, dass selbst sehr viele Getaufte sich mit dem Glauben und erst recht mit der Mitfeier der Gottesdienste schwertäten.

Wie Paulus auf dem Areopag
Nicht selten also kämen sich mit den Kirchen Hochverbundene und Seelsorgerinnen und Seelsorger vor wie Paulus auf dem Areopag. Solange es „allgemein philosophisch und vielleicht auch ein bisschen esoterisch blieb mit dem Gedanken an einen Schöpfer, der in allem webt und in dem wir uns bewegen und sind“, haben die Athener gut mitgehen können. Doch sobald es „geradezu peinlich konkret“ wurde mit „diesem Jesus aus Nazareth, der einen jämmerlichen Tod gestorben ist und auferstanden sein soll“, da sei es den Gebildeten von Athen zu viel geworden. Durchaus verständlich, so Bischof Ackermann, denn: „Hier rühren wir an den anstößigsten Punkt unseres Glaubens: dass sich Gott in Jesus so konkret an einen bestimmten Menschen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort gebunden hat.“

Innerster Kern der christlichen Botschaft
Heute glauben laut der Untersuchung nur 32 Prozent der katholischen und 29 Prozent der evangelischen Christen, dass Gott sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat. „Dieser Herausforderung, die das Bekenntnis zu Jesus Christus in sich enthält, dürfen wir uns nicht entziehen, dürfen Jesus als den Christus nicht verschweigen“, forderte Ackermann. „Wenn wir es täten, würden wir die christliche Botschaft ihres innersten Kerns berauben, würden sie damit um ihre eigentliche Kraft bringen.“

Die Botschaft Jesu: zustimmungsfähig und eine Zumutung zugleich
Daher könnten Christinnen und Christen von Paulus drei Dinge lernen: sich nicht verstecken, den Dialog suchen und kritisch an die Lebenswirklichkeit des Gegenübers anknüpfen. In der Christusbotschaft stecke der Ruf nach Umkehr und die Botschaft vom Kreuz, „die oft genug unserem menschlichen Denken und Empfinden zuwiderläuft“. Und so sei die Botschaft Jesu von Anfang an beides: „Sie ist in vielem für viele Menschen nachvollziehbar und zustimmungsfähig, und sie ist zugleich eine Zumutung“, sagte der Bischof. „Wenn wir diese Zumutung wegnehmen, dann scheint die christliche Botschaft zwar zunächst ,marktgängiger‘ und mehrheitsfähiger, aber wir brächten unseren Glauben um seine eigentliche Kraft. Denn dann würde in diesem Glauben nur noch unsere Kraft leben und nicht mehr Gottes Kraft, die wir so dringend brauchen.“

„Reset-Taste im Kirchenjahr“
In seiner Begrüßung hatte Präses Latzel den Buß- und Bettag als „Reset-Taste im Kirchenjahr“ und „Pausenschalter mitten in der Jahresendzeit-Hektik“ bezeichnet. Auch der Spruch der Woche passe zu diesem „heilsam anderen Tag“: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“. Die Hoffnung, die in diesem Satz stecke, verändere. Denn: „Christus ist es und niemand sonst, der dann das letzte Wort sprechen wird – und mein Leben in seinen Händen hält. Wie gut.“ Die Umkehr beginne bei jedem Menschen selbst und habe konkrete Folgen: „Dafür, wie ich mit den Menschen umgehe, die Gott mir anvertraut hat. In meiner Familie, auf der Arbeit, im Bekanntenkreis. Ich bin berufen, Licht und Salz für andere zu sein.“ Ebenso habe sie Folgen dafür, „wie wir als Kirche leben. Dass wir ehrlich mit den Schattenseiten unserer Kirchen umgehen. Dass wir zu der Schuld stehen, wo immer Menschen in unseren Gemeinden und durch Mitarbeitende unserer Kirchen verletzt wurden.“ Und sie habe Folgen für das Leben als Gesellschaft: „Dass wir aufhören, auf Kosten anderer zu leben – auf Kosten der Schöpfung, auf Kosten zukünftiger Generationen, auf Kosten der Schwachen.“ Und so komme er zu dem Schluss: „Es ist Buß- und Bettag. Wie gut!“

Seit Jahrzehnten ökumenische Feier
Der Buß- und Bettag wird seit mehreren Jahrzehnten ökumenisch verbunden von Evangelischer Kirche im Rheinland und Bistum Trier gefeiert. Weitere Mitwirkende in der Liturgie waren Dekan Dr. Markus Nicolay, Superintendent Dr. Jörg Weber, Marlies Lehnertz-Lütticken und Pfarrer Thomas Luxa. Musikalisch begleitet wurde der Gottesdienst von Kirchenmusikdirektor Martin Bambauer und der Chorgemeinschaft Heiligkreuz Trier unter der Leitung von Dekanatskantor Burkhard Pütz.

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