Ja, zaubern müsste man können. Dann würde man dieses oder jenes je nach Wunsch herbei- oder wegzaubern und alles wäre wieder gut – zumindest aber besser als vor der Zauberei. Wohl fast jeder hat schon mal so gedacht, oder nicht? Einen solchen in verschiedener Weise zauberhaften Hintergrund hat auch das erste der insgesamt fünf aktuellen digitalen Sonderangebote dieses Newsletters, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 09.06.23 – Freitag, 16. 06. 23) zu haben sind. Und schon im Titel des lustigen Kinderbuches von Uwe Kant kommt ein Zauberer vor, wenn auch nur ein kleiner: In „Der kleine Zauberer und die große 5“ erzählt Uwe Kant von den Schwierigkeiten, eine Fünf in Zauberkunde (Ja, ein solches Fach gab es an gewissen Schulen in der DDR.) wegzubekommen. Vielleich hilft Zauberei? Aber das erweist sich denn doch als schwieriger als gedacht, und dann tauchen plötzlich auch noch nebeneinander fünf rotblau karierte Meerschweinchen auf. Was nun? Was tun? Denn außerdem sprechen diese merkwürdigen Mierschwinchen auch noch in einem höchst merkwürdigen Dialekt …

Das erstmals 1974 erschiene Kinderbuch wurde drei Jahre später von der DEFA unter der Regie von Erwin Stranka verfilmt. Für den „film-dienst“, Deutschlands ältestes Fachmagazin zum deutschen und internationalen Kino, war „Der kleine Zauberer und die große Fünf“ ein „zwischen Fantasie und Didaktik changierendes Gegenwartsmärchen.“ Und das Buch selbst endet mit einer eindrucksvollen, optimistischen Schlussbemerkung, die in gewisser Weise eine Antwort auf die eingangs dieser heutigen Post aus Godern gestellte Frage darstellt: „Gibt es denn überhaupt Zauberer und so weiter?

Ja – was weiß ich?

Aber dass es keinen Menschen gibt, der nicht wenigstens ein klein bisschen zaubern kann, das weiß ich ganz genau.“ Unbedingt lesen und sich vergnügen.

Sechs Stare saßen auf der Mauer“ von Kurt David ist eine Kriminalgeschichte für Kinder, die der Autor nach einer tatsächlichen Begebenheit frei gestaltet hat. Die Namen sind erfunden. Hintergrund ist wieder einmal die Zeit Anfang der 1960er Jahre, als in der DDR die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) gegründet wurden – nicht ohne Schwierigkeiten und heftige Widerstände einiger Bauern. Und da wurde es kriminell.

Kurt David war zeitlebens viel unterwegs, vor allem in Polen und in der Mongolei. In „Polnische Etüden. Von Sopot bis Zakopane“ lässt er eine Reise durch das östliche Nachbarland Revue passieren, während der er 1961 die Städte Posen, Warschau, Lodz, Krakau, Zakopane sowie Danzig, Zoppot und Gdingen besucht, vor allem aber Menschengeschichten aus Vergangenheit und Gegenwart gesucht hat.

Geschichten aus der Mongolei erzählt Kurt David dagegen in seinem Buch „Der Bär mit dem Vogel auf dem Kopf“, das eine ungewöhnliche Vorgeschichte hat: Ein Maler und ein Schriftsteller sind in die Mongolei gereist. Dies geschah zu unterschiedlichen Zeiten und ohne, dass der eine vom anderen wusste. Der Maler malte, was er sah, der Schriftsteller schrieb, was er erlebte. Später hängte der Maler seine Bilder in einer Ausstellung auf und traf dort den Schriftsteller. Am Ende des langen Gesprächs über ihre Reisen in das Land des blauen Himmels sagte der Maler: „Du könntest den Kindern etwas von dem erzählen, was auf meinen Bildern nicht zu sehen ist!“ „Das werde ich“, antwortete der Schriftsteller, „und was ich mit Worten allein nicht erzählen kann, das werden die Kinder auf deinen Bildern sehen“. Die im E-Book nicht enthaltenen Bilder stammten von dem deutschen Grafiker, Illustrator und Maler Gerhard Goßmann (1912 bis 1994), der insbesondere durch seine Illustrationen von Abenteuer- und Jugendbüchern bekannt geworden war. Seine Arbeiten waren detailgenau, zugleich lebendig, phantasie- und stimmungsvoll. Goßmann hatte auch an die 250 Werke der Weltliteratur illustriert.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Das Gegenteil von Frieden ist der Krieg, einer der schlimmsten Zustände für Meschen, die man sich vorstellen kann. Noch schlimmer ist es, wenn man zum Kriegführen als Soldat gezwungen wird und den Tod von Freunden miterleben muss. Wie lässt es sich verhindern, zum Krieg missbraucht zu werden? Verweigern? Überlaufen?

Erstmals 1956 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale) mit Unterstützung des Kulturfonds der Deutschen Demokratischen Republik und des Deutschen Schriftsteller-Verbandes der Roman „Die Verführten“ von Kurt David, der sehr genau wusste, wovon er schrieb, hatte der 1924 geborene Schriftsteller doch von 1942 bis 1945 als Soldat der Wehrmacht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen und anschließend zwei Jahren in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verbracht. Auch persönlich hatte der Kriegseinsatz für Kurt David böse Folgen für seine ursprüngliche Lebensplanung: Die Absicht einer Ausbildung zum Musiker musste er wegen einer Kriegsverwundung aufgeben. Später setzte er sich mit dem Leben und Schaffen großer Musiker auseinander und schrieb erfolgreiche Biografien über die Komponisten Franz Schubert und Ludwig van Beethoven – „Der Spielmann vom Himmelpfortgrund“ (1964) und „Begegnung mit der Unsterblichkeit“ (1970).

Und damit zurück zum Antikriegsroman von Kurt David: Frank und Herbert waren Nachbarn und zur gleichen Zeit an die Front gekommen. Sie waren Freunde, aber Franks Mutter sah das nicht mehr gerne, nachdem Herberts Vater von der Gestapo abgeholt worden war.

In Frankreich werden sie in der Ausbildungskompanie misshandelt. Als ihr Zug unter Beschuss gerät, rettet Frank Herbert das Leben. Der Schinderei überdrüssig, sind alle froh, als es endlich an die Front geht. An der Ostfront erleben sie die Vertreibung und Ermordung der Bevölkerung und das Niederbrennen der Dörfer auf dem Rückzug. Herbert drängt seinen Freund, mit ihm überzulaufen, aber Frank hat zu viel Angst vor den „bösen Russen“. Als er sich endlich dazu durchringt, ist sein Freund tot.

Im Gefangenenlager trägt Frank schwer an seiner Schuld, dass sie nicht früher geflohen sind. Er muss im Bergwerk hart arbeiten und hungert sehr, denn auch die Russen haben nichts mehr zu essen. Aber langsam begreift er die Zusammenhänge und weiß, dass er sich nicht noch einmal für einen Krieg missbrauchen lassen wird.

Der folgende Textauszug zeigt Franks Gewissenskonflikte:

„Njix Feuer! Njix Feuer!“, bettelten die ukrainischen Frauen, die an den Straßenrändern ihrer Dörfer standen, vor ihren Häusern knieten und weinten und Milch in Tonkrügen anboten. In wild durcheinandergeratenen Haufen stampften die Soldaten durch die Gassen, nahmen den Frauen die Krüge fort, tranken im Laufen gierig die Milch und zerschlugen die Gefäße auf der Straße. Von diesen Soldaten wurden auch kaum die Häuser in Brand gesteckt. Das machten erst die nachfolgenden Spezialkommandos. Nichts blieb verschont. Ein Topf Milch rettete kein Haus. Und dort, wo sich die Bevölkerung energisch zur Wehr setzte, begann Oberleutnant Nebbel einzugreifen: „He, Männer! Lasst euch von diesen alten Vetteln nichts gefallen! Schlagt ihnen in die Fresse, wenn sie Faxen machen!“ Wie langausgestreckte drohende Finger sah es aus, wenn die Vierlingsflak ihre Rohre auf die Häuser einschwenkte und mit Leuchtspur ihr Feuer hineinspuckte. Kreischend und gestikulierend und betend und fluchend stürzten die Leute heraus. Sie wurden niedergemäht und fielen wie Korn von einer Mähmaschine. Mancher hielt in seinem letzten Röcheln einen Krug an die Brust gepresst. Die ausgelaufene Milch färbte sich mit dem Rot des Blutes. Nacht für Nacht wurden diese Szenen wiederholt. Wochenlang. Und die Nacht war wie der Tag so hell. Die brennenden Dörfer und Städte färbten den Himmel rot, und der Wind wurde heiß und fast unerträglich.

„Die Russen dürfen keine Winterquartiere kriegen!“

Viele waren zu stumpf geworden, um darauf etwas zu sagen oder nur etwas zu denken. Nur weiter, immer weiter. Irgendwo musste ja ein Ende sein. So dachten sie.

Herbert aber wurde immer wacher. Wie soll ich meinem Vater einmal später sagen, da war ich dabei, das habe ich alles gesehen, das habe ich miterlebt. Ich kann doch nicht das unterstützt haben, wogegen mein Vater kämpft. Und wenn ich hier auch nur mitlaufe, so ist das eine Unterstützung.

Er schaute zu Frank. Er hatte ihm erzählt, wie er bei Peppi geblieben, wie Peppi gestorben war. Und warum er die Gelegenheit hatte vorübergehen lassen, zu den Russen überzulaufen.

Frank war wortkarg geworden. Er schaute kaum noch auf die Riesenbrände, auf die Leichen am Straßenrand, über die Panzer hinwegrollten, als führen sie über einen Knüppeldamm. Gab es ein Halt, fiel er gleich den anderen auf die Straße, schlief, schlief 30 Sekunden, drei Minuten oder so lange, wie das Halt eben befohlen worden war.

„Öh – los weiter!“, brüllte es von Mann zu Mann, und sie stießen sich an, krochen von der Straße auf und trotteten mit halbgeschlossenen Augen weiter.

Die Panzer klirren mit ihren Ketten immer so nahe an uns vorüber, überlegte Frank. Ich werde mal meinen Fuß so „rein zufällig“ darunterhalten. Bloß die Zehe. Die Zehe kann ja futsch sein. Nur weg von hier. Weg ins Lazarett. Nach Hause. Nach Hause …

Unsere Wohnstube war so hübsch. Die Lehne des Sofas ist violett gewürfelt. Darüber hing ein Kruzifix. Ob Tante Berta und die anderen noch für mich beten? – Sicher tun sie das. Aber das Feuer hier, das beten sie nicht aus, die toten Frauen beten sie nicht wach. Peppi bleibt auch tot. Sicher beten bei ihm zu Hause auch welche. Sie wissen noch gar nicht, dass er tot ist. Mich nach Hause beten können sie auch nicht. Au –! Verflucht! Meine Hacken. Von den Blasen muss schon ein richtiger blutiger Matsch in den Stiefeln sein. Meine braunen Halbschuhe haben mich nie gedrückt, gerieben. Sie werden jetzt in der Schachtel unter dem Kleiderschrank stehen. Meine Bücher, die Geige, meine Noten. Alles steht in meiner kleinen Dachkammer. Vom Fenster aus konnte ich den Feldrain sehen. Dort haben wir mit Fritz Barth immer Soldaten gespielt. Mutter schrieb doch nach Frankreich, dass Fritz schon Oberfeldwebel ist. Na ja, er war ja der erste Hitlerjunge bei uns, und auf dem Feldrain war er unser „General“.

„Mensch, mein Magen jauert, Herbert!“

„Meiner auch!“, sagte Herbert, zerrte aber aus seiner Hosentasche die gelbe Butterbüchse, entnahm ihr einen Würfel Pferdefleisch, so groß wie ein Stück Zucker, gab ihn Frank.

„Kau daran herum. Hilft etwas!“

Wortlos steckte Frank das Stückchen gebratenen Fleisches in den Mund. Mutters rot karierte Tischdecke sah gut aus. So appetitlich. Und der Quarkkuchen darauf …

Er drehte sich um und schaute nach den Panzern. Sie müssen doch bald kommen! Heut mach ich’s.

Seit vierzehn Tagen nahm sich Frank das schon jede Nacht vor. Kam der erste Panzer, sagte er sich: Beim zweiten mach ich’s. Kam der zweite: Beim dritten! Kam der vierte, fünfte und sechste: Aber beim nächsten tue ich’s bestimmt, und Frank tat es nie. Das Schreien der Verwundeten, die auf den Panzern und anderen Fahrzeugen lagen, verscheuchte jedes Mal seinen Vorsatz.

Auch in dieser Nacht. Und waren die Panzer vorüber, dann träumte er wieder von zu Haus, von der Wohnstube, von dem Quarkkuchen, von der Tischdecke, von der Geige, von den Büchern und von den guten Halbschuhen. Und jeden Tag kamen noch mehr Vorstellungen hinzu. Er war immer eindringlicher zu Haus.

Aber morgen Abend mach ich es bestimmt, nahm er sich wieder vor.

Als Herbert gemerkt hatte, was Frank für Gedanken hegte, marschierte er an der Außenseite der Kolonne, so dass Frank gar keine Gelegenheit zur Ausführung fand. Frank dachte, der Wechsel sei rein zufällig. Aber Herbert sagte: „Hat dir das auch dein Vater geschrieben?“

Frank schwieg.

Plötzlich schämte er sich. Ich wollte Herbert im Stich lassen, während er schon längst hätte überlaufen können …, dachte er.

1974 erschien in Der Kinderbuchverlag Berlin von Uwe KantDer kleine Zauberer und die große 5“. Der folgende Auszug gibt einen Einblick in Olivers nicht immer erfolgreichen Zauberkünste:

Zu Hause guckte Oliver gleich auf den Wecker, der jetzt ganz harmlos dastand und keinesfalls so aussah, als würde er schon am nächsten Morgen meckern wie eine Ziege oder wie ein Dampfer tuten. Ausgezeichnet. Er hatte mindestens zweieinhalb Stunden Zeit, aber er machte sich ungesäumt ans Werk. „Spare Sekunden, so gewinnst du Stunden“ stand bei seinem Opa im Hausflur mit schnörkeligen Buchstaben an der Wand geschrieben.

Er nahm einen makellosen Bogen aus seinem Zeichenblock und goss gleich aus dem Fass eine gehörige Portion blauer Tinte darüber. Dann hielt er die zwei gespreizten Finger hin und murmelte das Sprüchlein „Kleckswegsbittesehrflecks“. Der Klecks verschwand, der Bogen war makellos wie zuvor.

Na ja, nun gut, dachte er, das möchte wohl sein. Versuch römisch eins (I) geglückt. Jetzt aber römisch zwei (II).

Er nahm nun das Fässchen mit der roten Tinte und machte wieder einen Klecks. Der wurde noch größer als der blaue, was irgendwie ziemlich schlimm aussah. Finger gespreizt, Sprüchlein gemurmelt – Fleck verschwunden. Verschwunden! Oliver atmete auf. Auch römisch zwei war also geglückt! Gleich darauf schrak er zusammen, denn hinter ihm ging leise die Tür auf. Es war aber nur Lisbeth.

„Oh, Pardon“, sagte sie, „ich wollte gewiss Ihre Expedition nicht stören, ich wollte nur fragen, ob nicht vielleicht das Pokalspiel übertragen wird?“

Oliver erklärte ihr höflich, die Pokalspiele würden immer mittwochs stattfinden, dienstags jedoch nie, und sie möchte doch so gut sein und sich augenblicklich zum Teufel scheren.

„Ach du Schreck“, sagte Lisbeth, „Rheumatismus, Parallelogramm, Katastrophe, Nostalgie, Frustration, oje.“ Sie machte sich davon.

Ein Glück, dachte Oliver, soll sie doch sonst wem erzählen, dass es heute Abend regnet. Er bückte sich zur untersten Schublade seiner Kommode, schloss auf und holte die Zauberkundekontrollarbeit hervor. Erst einmal musste die dreimalverflixte Fünf verschwinden. Dann würde man schon weitersehen. Also nun auf zum Versuch römisch drei (III). Römisch drei war entschieden kitzliger als alles vorher. Aber das half nun nichts. Er nahm wieder die rote Tinte und tröpfelte sie vorsichtig auf die Ziffer, die allmählich darin ertrank und endlich nicht mehr zu sehen war. Hervorragend. Das heißt: noch nicht, aber gleich. Finger gespreizt, Sprüchlein gemurmelt, Fleck – verschwunden. Jaha, Fleck verschwunden – Fünf vorhanden! Tatsächlich! Der Fleck war weg, aber die Fünf war wieder oder noch da. So schön oder vielmehr, so abscheulich wie zuvor. Donnerkuckuckapfelbaumundnähgarnnocheinmal! Das war vielleicht ein Fuchs, dieser Herr Fiebig. Der konnte mehr als Stachelbeerbüsche pflanzen. Na ja, der war ja auch Zauberkundelehrer. Oliver biss die Zähne zusammen und wiederholte den Versuch römisch drei mit der doppelten Portion roter Tinte. Das Ergebnis war das gleiche. Oliver legte den Kopf auf den Tisch und heulte fünf Minuten. Nein, nein, nicht fünf. Um Himmels willen, fünf doch nicht. Höchstens vier Minuten waren es.

1961 erschien in Der Kinderbuchverlag Berlin „Sechs Stare saßen auf der Mauer“ von Kurt David. Bärenfelde, ein Dorf in der DDR Anfang der 1960er Jahre, möchte vollgenossenschaftlich werden, aber einige Bauern weigern sich. Die Jungen der 8. Klasse sind begeisterte Fußballspieler und Werner, der Sohn des Feldbaubrigadiers, ist ein begeisterter Tier- und Naturfreund. In seine „Tierbibel“ trägt er alle wichtigen Beobachtungen mit Datum und Uhrzeit ein, auch dass sechs Stare noch nicht in den Süden geflogen sind. Als der Rinderstall der LPG abbrennt und sein Vater vor Gericht steht, ist Werners Tagebuch plötzlich ein wichtiges Beweismittel.

Und so beginnt die Kripo mit der Untersuchung des ausgebrannten Stalles:

In diesem Augenblick fährt ein dunkelgrüner Personenkraftwagen in den Hof.

Die Kriminalpolizei.

Der WARTBURG rollt hinüber zum Rinderstall. Türen werden zugeschlagen. Drei Männer stehen im Hof, das Gesicht zur Brandruine gewandt. Vorn steht einer, der hat zwei Fotoapparate über die Schulter gehängt. Die beiden anderen tragen schwarze Köfferchen.

Der Vorsitzende Lohr, Parteisekretär Schwarz und Herr Häberlein treten aus dem Haus und gehen auf die drei Kriminalisten zu.

Die Männer verschwinden im ausgebrannten Rinderstall.

Werner hat sich schnell angezogen.

Es ist sieben Uhr. Dreiviertel zehn muss er mit Hans zur Schule. Werner saust die Treppe herunter, immer zwei Stufen auf einmal. Auf dem Küchentisch liegen Schwarzbrotschnitten, daneben steht ein blaugepunkter Henkeltopf mit warmer Milch. Er isst hastig, will hinüber zum Stall. Vielleicht wissen die schon etwas?

Im düsteren Hausflur trifft er Hans, der kauend und schmatzend flüstert: „Du, die Kripo ist da. Jetzt geht’s aber rund, mein Lieber, die Kripo!“

„Meinst du?“

„Möchtest du zur Kripo?“ Und ohne eine Antwort überhaupt abwarten zu wollen, redet Hans weiter: „Ich – ja, ich möchte zur Volkspolizei. Was die für Apparate und so’n Zeug haben, die kriegen alles raus. Spannend, sage ich dir. Wirst sehen, zu Mittag wissen sie schon ungefähr, was los ist. Und dann: Gnade dem, der das gemacht hat.“

„Apparate?“

„Zum Beispiel Quarzlampen und so’n Zeug. Und dann haben die eine Art Heftpflaster, weißt du, das ist zwar keins, sieht aber so aus. Damit nehmen sie Fingerabdrücke von Glasscheiben und Türen. Und Pistolen haben die!“

Werner lächelt. Er weiß, bei Hans ist das immer so. Der will jeden Tag etwas anderes werden. Einmal Sportlehrer, einmal Chemiker, und kommt die Volksarmee durchs Dorf gerattert, will er zu ihr, natürlich zu den Panzern, und ist der Tierarzt auf der LPG, behauptet er selbstverständlich, nichts anderes als Tierarzt werden zu wollen. Mich wundert bloß, denkt Werner, dass er gestern Abend, als die Feuerwehr da war, nicht gesagt hat, er will zur Feuerwehr.

Nebeneinander gehen sie über den Hof.

Nein, Werner will nicht zur Volkspolizei. Seine Liebe gilt der Natur, dem Wald und den Tieren. Er möchte Förster werden.

Viele freie Nachmittage verbringt Werner oben hinterm Sandberg im Eulenwald. Er weiß genau, wie viel Rehe und Böcke zum Bestand gehören. Überhaupt kennt er alle Tierarten, die sich dort aufhalten.

Werner hat stets ein kleines Notizbuch in der Tasche, in das er einträgt, was er beobachtet hat.

Zum Beispiel: „23. 9. Bussardpaar gegen neunzehnuhrdreißig beobachtet.“ Oder: „28. 12. Drei Regenwürmer am Südhang in der Sonne, es taute!“ Oder: „2. 8. Kolossaler Sturm. Kein einziger Vogel lässt sich sehen. Sitzen alle in den Fichten, dicht am Stamm.“

Hans Zielansky begleitet seinen Freund manchmal auf seinen Streifzügen, aber nur, wenn Werner verspricht, am nächsten Tage mit ihm zum Sportplatz zu gehen. Und das Notizbüchlein nennt Hans ironisch Tierbibel.

Grad als sie beim Rinderstall angekommen sind, zucken grelle Blitzlichter auf. Ein großer, starker Mann, der Unterleutnant der VP, Prink, fotografiert die Brandruine. Am Eingang zum Stall steht ein kleinerer Herr, etwas dick und füllig. Das ist Hauptwachtmeister Busch. Er sieht lustig aus und zwinkert den Jungen zu, als wollte er sagen: Neugierig?

Herr Zielansky schnauzt: „Verduftet euch und steht nicht im Weg!“ Er ist ebenso mürrisch wie am Abend zuvor.

„Aber Kollege“, sagt der Hauptwachtmeister, „nun lassen Sie man die Jungen schön da. Uns stören sie nicht. Und neugierig sind auf der Welt nicht nur die Kinder.“

Daraufhin spuckt Herr Zielansky ärgerlich in eine große Pfütze und knöpft den obersten Hemdknopf auf. „Ich geh mal raus zur Koppel“, sagt er.

In der Koppel grasen die Rinder. Stumm und reglos, den Kopf zum Hof gerichtet. Nicht eins schaut nach der Seite. Werner weiß, das tun sie auch dann, wenn sie auf der Weide sind und es stark regnet. Dann gucken sie auch in den Hof hinüber und warten. Sie spüren, dass bald einer über den Feldweg kommen wird und sie hereinholt.

An diesem Morgen kommt keiner, und an diesem Morgen holt sie auch niemand.

Hans flüstert: „Mit meinem Vater ist seit gestern Abend überhaupt nicht zu reden. Heut früh hat er die Mutter schon angeschnauzt, bloß weil der Kaffee zu heiß war.“

Hans erzählt aber nicht, dass sein Vater gestern Abend vor dem Foto des neuen Rinderstalles gestanden hat und mit sich selbst sprach: „So viel Einwohner haben uns beim Bau geholfen, freiwillig. Was werden die jetzt sagen? Wenn nun gar die Schuld noch bei uns liegen sollte? Sie werden sagen: So wollt ihr vollgenossenschaftlich werden?“

Hans dachte: Wieso soll die Schuld bei uns liegen? Und die anderen Bauern, die noch nicht zur LPG gehören? Seht nur, werden sie behaupten, so wirtschaften die, so ludern die rum, dass die Buden abbrennen, und da sollen wir eintreten?

Unterleutnant Prink und Parteisekretär Schwarz schleppen eine lange Leiter in den Stall, schieben sie mit der Spitze durch ein Loch in der Decke und lehnen sie an den Innengiebel.

Die Kriminalisten sind jetzt allein. Busch wendet sich zu den Jungen: „Aber in den Stall kommt ihr nicht, verstanden?“

Und der andere sagt: „Fangen wir an!“

Der Unterleutnant rafft den schwarzen Ledermantel vorn zusammen und steigt die Leiter hinauf. Die anderen klettern nach. Angekohltes Heu und staubige Spreu trudeln von oben durch die Luken.

Herr Häberlein ist noch einmal zurückgekommen und fragt mürrisch: „Wann musst’n überhaupt zur Schule?“

„Dreiviertel zehn!“

Er geht fort, als habe ihn die Antwort überhaupt nicht interessiert. Werner sieht hinter seinem Vater her, beobachtet, wie er mit seinen Gummistiefeln durch die Pfützen platscht, als wären sie nicht da. Ihm tut der Vater plötzlich leid.

Das Buch „Polnische Etüden. Von Sopot bis Zakopane“ von Kurt David erschien 1963 im Verlag Neues Leben Berlin. Der Autor unternimmt 1961 eine Reise durch Polen. Er besucht die Städte Posen, Warschau, Lodz, Krakau, Zakopane sowie Danzig, Zoppot und Gdingen. Dabei sucht er die Menschen und ihre Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart. Er erfährt auch viel Trauriges aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Judenverfolgung. Immer aber begegnen ihm die Menschen mit großer Offenheit und Freundlichkeit. Ein ausführlicher Zahlenanhang über die Entwicklung nach 1945 im Vergleich zu 1937 zeigt die Entwicklung Polens zu einem entwickelten Industrieland.

Hier eine kleine Leseprobe:

An einem heißen Mittag verlasse ich Warschau. Es ist ein fröhlicher Zug, der unter Junisonne dahinrauscht, ein Zug der guten Laune, der Urlauber, die an die Ostsee fahren, mit ihren Koffern und Bademänteln, duftigen Kleidern und hellen Anzügen. Der Fahrtwind pfeift durch offene Fenster. Ein kleines blondes Mädchen im mohnroten Kleid bläst einen grünen Gummifrosch auf. Als der Schaffner kommt, muss das Mädchen im Gang zur Seite treten, näher ans Fenster, zu nahe ans Fenster. Dem Frosch geht vor Schreck die Luft aus, er hüpft, reißt sich los und stürzt in den Bug, über dessen Brücke der Zug eben donnert, versinkt in der gelben Flut. Das Mädchen weint bitterlich. Der Schaffner steht hilflos da, versucht der Mutter den Zwischenfall zu erklären. Das Mädchen wird künftig Eisenbahnschaffner misstrauisch betrachten und nun in der Ostsee keinen Frosch haben, der es auf seinem Rücken trägt.

Das Land ist eben und eintönig, ein paar Kiefern, ein paar schlanke Birken, grünende Büsche und natürlich Pappeln und Weiden, einsame alte Häuser, ein stiller Bach mit Enten, eine geköpfte Tanne mit einem Storchennest, wogendes Getreide, blühende Kartoffelfelder und Menschen, die auf einem Bauernfuhrwerk über einen schmalen Weg holpern. Man kann ruhig einige Stunden verschlafen und verpasst nichts. Ich erwache erst wieder, als Angler, viele Angler ins Abteil steigen, mit langen Ruten und Rucksäcken, Büchsen und Blecheimern. Ihre Gesichter sind zuversichtlich, ihre Geschichten im Zug voller Fische, großer Fische, und in jeder Geschichte nehmen sie an Gewicht zu, man hat die Geschichten alle schon gehört, in der Ruppiner Schweiz, an den Ufern der Spree, nur dass sie dort von Oskar und hier von Marian erzählt werden. Und als die ersten Masurischen Seen kommen, gehen die Angler. Die Fische werden einen schwarzen Tag haben.

Dzialdowo und Lidzbark liegen hinter uns, und ich denke an das nahe Grunwald. Zu meiner Zeit lernten wir in der Schule die Schlacht bei Tannenberg, den Sieg des Junker-Generals von Hindenburg über den Zarengeneral Samsonow; dass schon fünfhundert Jahre vorher das Heer König Jagiellos auf denselben Feldern von Grunwald-Tannenberg den Deutschen Ritterorden, die Kreuzritter unter Ulrich von Jungingen, vernichtend schlug, erfuhren wir nicht. Hitler wollte am 27. 8.1939, als schon die scharfe Munition zum Überfall auf Polen ausgegeben worden war, in Tannenberg seinen „Reichsparteitag des Friedens“ abhalten, doch dieser mit großer Propaganda aufgezogene Trick wurde abgeblasen, weil der Kriegsausbruch von ihm einen Tag vor den „Friedensparteitag“ gelegt worden war. (Der 26. 8. 39 war der erste Termin zum Überfall auf Polen.)

Und so fährt unser Zug an den stillen Seen und heimtückischen Sümpfen vorbei, an den träumenden Schilfkolonien, und ich denke an meinen Schullehrer, der es rhetorisch verstand, uns Kindern die Schlacht bei Tannenberg erlebnisstark mitzuteilen. Hei – war das ein Spaziergang, eine Hetzjagd auf den „bösen Feind“, der noch dazu „dumm“ war, weil er Hindenburgs Absicht zu spät bemerkt hatte, und dem es ganz recht geschah, dass er zu Tausenden in die Seen und Sümpfe getrieben wurde, wo er ersoff. Und darüber haben wir gelacht, und der Lehrer hat dagestanden wie Hindenburg persönlich, nur nicht in schwarzen, sondern in braunen Stiefeln. An diesen Seen und Sümpfen fährt unser Zug vorüber. Und die Wasserrosen schauen in den blauen Himmel, als seien sie der Schmuck unsichtbarer Gräber.

Wir nähern uns Malbork, der einstigen Marienburg, dem Hauptquartier der deutschen Ordensritter, dem Raubnest mit dem Blick nach Osten, Residenz der Großmeister des Ordens, der Burg mit ihrem wunderschönen spätgotischen Palas. Da wir vom Hauptquartier der Kreuzritter sprechen, denken wir auch an Dr. Adenauer, der sich 1958 in der Kölner Sankt-Andrea-Kirche den weißen Mantel mit dem berüchtigten schwarzen Kreuz umhängen ließ und mit gefalteten Händen zum Ehrenritter des „Ordens von der heiligen Jungfrau“ geschlagen wurde.

Die SS hat diese Burg zu einem Trümmerhaufen gemacht, Polen die Festung, ihrer architektonischen Schönheit wegen, wieder aufgebaut. Und so steht sie wie ehedem an der Nogat, einem Nebenfluss der Weichsel, nicht mehr Bollwerk, sondern Sehenswürdigkeit für Touristen aus dem In- und Ausland. Als sehenswürdig bezeichnet das polnische Reisebüro auch die Wilcza Jama, die Wolfsschanze, nahe des einstigen Rastenburg, Hitlers Höhle aus Beton und Stahl, umgeben von Stacheldraht und Minen. Auch sie hat einen Baumeister, einen unberühmten, er hieß Dr. Todt, und es gab eine ganze Formation guter Bauleute, die Organisation Todt hieß; verzichtet man auf das letzte T in seinem Namen, werden wir seiner Betonkunst gerecht; seine Wälle an Rhein und Atlantik wurden für Tausende zur letzten Unterkunft. Die Wolfsschanze war die Marienburg der Neuzeit, was ihre Funktion anbelangt. Schließlich hatte man im Gegensatz zur Feste der Kreuzritter auf alle architektonischen Schönheiten von vornherein keinen Wert gelegt. Hitler ließ dieses graue Ungeheuer nach seiner Flucht in die Berliner Reichskanzlei sprengen.

In meinem Plan hatte ich vorgesehen, diesen Ort zu besuchen. Je näher ich Sopot komme, umso weiter entferne ich mich von meinem Wunsch. Andere Reisende, vor allem Polen, haben mir inzwischen von der Geschäftigkeit um diese Räuberhöhle berichtet. Ein bisschen wehleidig erzählten sie mir, die meisten Ausländer, darunter viele Westdeutsche, kämen zur Wolfsschanze, um dort in den Trümmern herumzuwühlen, einen Knopf der Eva Braun zu finden, einen Stofffetzen von Göring oder Himmler auszugraben oder gar ein Souvenir von Hitler zu erhaschen, wo uns doch diese Leute genug Souvenirs hinterlassen hätten. Uber achthundert Touristen pilgern täglich zu diesen Betonklötzen, fast zweitausend sind es jeden Sonntag, reichlich fünfhundert haben in der Gaststätte Platz, deren Fundamente einst die Garagen der SS darstellten. Ich achte jene Menschen, die hierhergekommen, um die Stätte zu sehen, von der so viel Leid ausging, ich verachte die Souvenirjäger aus den Staaten des Nordatlantikpaktes, denn sie wissen: Bei ihnen zu Hause sitzen dieselben Leute, die in der Wolfsschanze aus- und eingingen, wieder mit gutgespitzten Farbstiften und weichen Radiergummis vor Generalstabskarten. Sollen sie doch denen die Knöpfe abreißen, Farbstifte und Karten abnehmen, wenn sie schon durchaus Andenken von Verbrechern sammeln müssen.

Der Herr auf dem Bahnhof von Sopot, er empfängt mich mit keuchender Hast, fragt, wann ich zu Hitlers Bunker fahren möchte, und ich sage, ich möchte überhaupt nicht dorthin fahren, ich hätte es mir anders überlegt.

Das Buch „Der Bär mit dem Vogel auf dem Kopf“ von Kurt David erschien erstmals 1977 in Der Kinderbuchverlag Berlin. Es enthält spannende Geschichten, auch für Erwachsene, über eine Bären- und Fuchsjagd, über das gefährliche Zureiten von Pferden, über Hunde und Wölfe, und immer über die wunderbare Gastfreundschaft der Mongolen.

Eine Leseprobe über das Zureiten von Pferden:

Ich bemerkte sofort an der Art seines Auftretens, dass sie mir einen Jungen vorstellten, der schon eine ganze Menge wilder Pferde zugeritten haben musste. Nicht, dass man mir sagte, er täte das heut zum ersten Mal, aber man sagte mir auch nicht, dass er es bereits getan hatte. So gesehen, betrachteten sie das Zureiten zumindest vor meinen Augen als ein Spiel wie Bogenschießen und Ringkampf. Erst nachher begriff ich, weshalb man das Risiko, einen jungen Burschen einen Hengst zureiten zu lassen, vor einem Fremden kaum eingehen konnte.

Sodnom lobte die schöne Tradition, nach der nur jener in diesem Dorf als Mann galt, der wenigstens einen Hengst erfolgreich zugeritten hatte. „Und stell dir das ja nicht einfach vor“, warnte er mich mit besorgtem Gesicht.

„Ich stell es mir ja auch gar nicht einfach vor“, sagte ich.

„Dabei kann nämlich allerhand passieren! Die Knochen kann man sich sogar brechen.“

Ich blickte ihm ins Gesicht, ohne ein Wort zu sagen, aber offensichtlich so verwirrt, dass er aus mir nicht ganz schlau zu werden schien; denn er meinte: „Was denn, du glaubst mir nicht?“

„Im Gegenteil, nur, ich bin nicht für Spielchen zu haben, bei denen man sich die Knochen brechen kann.“

„Schön ist so ein alter Brauch trotzdem“, sagte Sodnom und redete noch eine Weile davon, wie mutig, tapfer, kühn und geschickt ein Junge sein müsse, um die Probe erfolgreich bestehen zu können.

„Hast du das auch mit fünfzehn Jahren machen müssen?“, wollte ich wissen.

„Ich bin aus dem Nordosten. Dort gibt es den Brauch nicht.“

„Dann hast du Glück gehabt!“ Mich tröstete der Gedanke, dass in unserem Fall nicht viel passieren konnte, weil doch der Junge ausgesucht worden war und sicher garantierte, dass vor fremden Augen nichts schiefging. (Am nächsten Tag erfuhr ich übrigens, dass sich Tschigmid – das war der, der mir vorgestellt worden war – in seinem kurzem Leben nur siebenmal die Handgelenke gebrochen hatte!)

Während draußen vor dem Dorf die achthundert Pferde noch friedlich weideten und die Stuten ihre Hengste umstanden, als fürchteten die Stuten, ihre Hengste könnten ihnen untreu werden und davonlaufen, erschien auf dem Dorfplatz Tschigmid mit seinem Stangenlasso wie ein mittelalterlicher Turnierritter mit Lanze. Ein Bursche führte sein Pferd heran, einen muschelreinen Schimmel, der so prächtig aussah, als sei er einem mongolischen Märchen entstiegen.

Tschigmid sprang in den Sattel.

Das Stangenlasso trug er jetzt rechts und hielt es so in der Waage, dass die Spitze mit der Lederschlinge schräg zum Himmel zeigte und das Ende der fünf Meter langen Stange trotzdem nicht den Boden berührte. Dann hob er den linken Arm, gab mit ihm das Zeichen zum Aufbruch.

Alle, die eben noch auf dem Platz gewartet hatten oder erst zu ihm unterwegs gewesen waren, folgten nun Tschigmid und seinem schönen Schimmel. Das waren Frauen wie Männer jeden Alters, Jungen und Mädchen, die in unserem bunten Zug schreiend nach vorn drängten,

Babys, die von Müttern wie Vätern auf den Armen zum Platz des Geschehens hinausgetragen wurden. Kurzum: Ich hatte das Gefühl, kein Bewohner von Hatan-Bulag war in seiner Jurte geblieben.

„Und wer bestimmt den Hengst, der gefangen werden soll?“, fragte ich Sodnom.

„Das darf jeder und geschieht auf Zuruf.“

„Interessant“, bemerkte ich und misstraute der Sache ein wenig. Ich dachte, bei der heutigen Vorführung geht ihr doch sowieso auf Nummer Sicher und bestimmt heimlich einen Zurufer. Der sucht einen Hengst aus, von dem ihr wisst, dass er seinem Zureiter nicht allzu viel Schwierigkeiten macht. Ich hätte Verständnis dafür gehabt; denn ich neigte wirklich nicht dazu, einem Spiel zuzusehen, bei dem die Gefahr bestand, dass sich einer vielleicht das Genick brach.

Hier muss ich einfügen, dass Sodnom ein sehr feinfühliger Mensch war. Mir kam es manchmal vor, als rieche er die Gedanken, die ich in zweifelhaften Situationen dachte. Er sagte plötzlich: „Willst du den Hengst aussuchen? Das lässt sich mühelos einrichten.“

Mich überraschte das so sehr, dass ich im Moment nicht imstande war, etwas zu erwidern.

„Oder willst du nicht? Vielleicht kannst du einen Hengst von einer Stute nicht unterscheiden?“ Er wieherte ein Lachen, das ganz zu unserem Gespräch passte, und ich wieherte mit, um mein verdutztes Schweigen zu überbrücken.

Nachher sagte ich: „Gut, ich mach’s.“

Wir waren inzwischen aus dem Ort heraus und näherten uns der Herde, die ein Stück weiter draußen graste. Der Boden war pulvertrocken und grau. Mit jedem Schritt rührte man ihn auf. Sie sagten mir, das wäre eigentlich Sand. Nun hatte ich zwar schon Gobisand gesehen, feinen, dunkelgelben Sand, zu Dünen gehäuft, aber solchen Sand wie hier hatte ich noch nicht kennengelernt. Der war nämlich aschgrau und dreckig. Auch solches Gras hatte ich noch nicht gesehen. Es war das ärmlichste Gras, das mir je unter die Augen gekommen ist, aber ich verstand, dass sie froh waren, wenigstens dieses Gras in der Gobi zu haben, in einer Wüste, wo außer kümmerlichen Salzsträuchern nichts wuchs als dieses ärmliche Gras. Und die Pferde wurden satt davon, und die achttausend Kamele der Genossenschaft sahen auch keinesfalls unterernährt aus. Also war das schlechte Gras hier besser als gar kein Gras.

Plötzlich fuhr der Sturm zwischen uns. Der Himmel war blau gewesen, und ich hatte zu den Pferden geblickt, aber nie und nimmer an einen Sturm gedacht. Brüllend raste er über alle hinweg, peitschte den Staub oder das, was sie Sand nannten, in unsere Gesichter. Jäh verlosch das Sonnenlicht. Dunkelheit fiel auf uns herab. Kalt war es, eiskalt. Kinder schrien. Babys jammerten und wurden von Vätern wie Müttern blitzschnell in Taillentücher gewickelt. Alle hockten auf der Erde und machten sich so klein, wie es nur irgendwie ging, und manche Leute brachten es fertig, ihren Kopf zwischen die gespreizten Schenkel zu stecken. Vier oder fünf Minuten später war alles vorüber. Die Sonne schien wieder. Der Himmel war wieder blau. Die Leute lachten, klopften oder schüttelten sich den Sand aus den Kleidern. Es war plötzlich wieder sehr heiß im offenen Gelände. Erst jetzt erkannte ich die Herde aufs Neue. Sie war nun viel weiter von uns entfernt als vor dem Sturm. „Die Tiere rennen mit dem Wind“, erläuterte Sodnom. Dort, wo die Herde jetzt war, stand eine riesige schwarze Staubwand über der Wüste, die der Sturm nach Norden rollte.

Acht Burschen jagten auf ihren Pferden los, sie sollten die Herde zurückholen, auf den Ail zutreiben. Wir hörten nachher das Knallen der Peitschen und das Donnern Tausender Hufe. Erneut wirbelte Staub zum Himmel.

„Komm mit“, sagte Sodnom.

Er führte mich zu Tschigmid. Tschigmid hatte das Zeichen zum Halt gegeben. Die Leute bildeten einen Halbkreis um ihn, der in Richtung Herde offenblieb.

Sodnom sprach mit Tschigmid.

Tschigmid lächelte mir zu und redete dann mit den Leuten. Sicher erklärte er ihnen, heut sollten nicht sie den zu fangenden Hengst bestimmen, sondern der Gast. Einige klatschten in die Hände. Mir war das etwas peinlich, aber zu ändern war es auch nicht mehr.

„Sie sind einverstanden“, sagte Sodnom.

Das Donnern der galoppierenden Tiere kam näher und näher. Manchmal versuchten einige von ihnen nach rechts oder links auszubrechen, aber die Burschen sorgten mit ihren Peitschen dafür, dass alle beieinander blieben und wie die Teufel geradewegs auf das Dorf zujagten.

Abermals redete Sodnom mit Tschigmid. Danach zeigte Tschigmid nach rechts und vollführte eine weite Armbewegung in Richtung der Anhöhe, die nicht weit von uns am Rande des Ails lag. Sodnom erklärte: „Er sagt, dass die Burschen die Herde hundert Meter vor dem Dorf stoppen und dann nach rechts abdrängen, so dass sie diese Anhöhe dort hinaufgaloppieren muss. In dem Moment hast du Übersicht und zeigst Tschigmid den Hengst, den er fangen und zureiten soll. Alles klar?“

Ich nicke und starre auf die Herde, bin aufgeregt. In breiter Front kommt sie auf uns zu. Wie eine dunkle Woge stürmt sie heran, hebt sich, senkt sich, schwimmt im heißen Dunst. Mehr als dreitausend Hufe stampfen den staubfeinen Sand. In der ersten Reihe erkenne ich die ersten Hengste. Das sind die Schrittmacher, die wildesten der Wilden. Mich durchfährt der Gedanke: Von denen wählst du einen aus! Das ist am einfachsten für dich. Du wartest nicht, bis sie die Anhöhe hinaufpreschen und du nichts als Hunderte Pferderücken siehst, sondern bestimmst sofort einen in dem Augenblick, wenn die Herde nach rechts gedrängt wird und an dir vorüberrast.

Kurz blicke ich hinauf zu Tschigmid: Er sitzt leicht vornübergebeugt auf seinem Schimmel und lauert. Der Schimmel weiß genau, was geschehen wird, und ist schwer zurückzuhalten. Er scharrt schon im Staub. Er reißt am Zügel. Er springt vorn hoch. Tschigmid schlägt ihn. Die Spitze des Stangenlassos zeigt nun nicht mehr schräg zum Himmel, sondern wie ein Pfeil auf die heranbrausende Herde. Die Lederschlinge baumelt und hängt leer wie eine große Null an der Stange, aber ich schaue schon auf den Kopf, der in diese Schlinge hinein soll. Er gehört einem schwarzen Hengst. Sein flatterndes Mähnenhaar erkenne ich bereits ganz deutlich. Neben dem Schwarzen läuft ein Brauner. Der hat einen sehr großen, weißen Fleck auf der Stirn. Die beiden sind am weitesten vorn. Sekunden später stelle ich fest: Ich habe mich getäuscht, oder die beiden sind zurückgefallen; denn die erste Reihe ist eine Linie.

Die Burschen auf der linken Außenseite fangen an, die achthundert Pferde nach rechts zu drängen. Ich sehe das Geringel der Peitschenriemen über den Leibern der Tiere, höre das Pfeifen, das Schlagen, das Knallen. Unordnung bricht aus. Die Pferde behindern sich im Lauf, stoßen aneinander, verlieren an Tempo. Plötzlich schießt mein Schwarzer aus der Herde, will dem panischen Gewühl entgehen. Ihm folgt der Braune mit dem großen, weißen Fleck auf der Stirn. Dem Braunen galoppieren vier weitere Hengste hinterher, und erst jetzt begreifen die Stuten, was geschieht, und setzen nach.

„Den da!“, schrei ich und zeig auf ihn.

Ausnahmsweise (oder vielleicht auch zum ersten Mal und damit Wiederholungen nicht ausschließend) soll hier zum Schluss des heutigen Newsletters weniger von den Autoren als von den Illustratoren die Rede sein – wie zum Beispiel dem bereits erwähnten Gerhard Goßmann, der vor nunmehr fast 111 Jahren in Guben geboren wurde und seit 1917 in Fürstenwalde/Spree aufgewachsen war, wo es heute auch eine Gerhard-Goßmann-Schule und ein Bronze-Denkmal gibt. Es wurde von Robert Metzkes – 1954 geborener Sohn des Malers Harald Metzkes und der Textilkünstlerin Elrid Metzkes – geschaffen und steht seit 2009 in der Fußgängerzone Am Markt. Auf einer dazugehörigen Denkmaltafel wird Goßmann als Sohn Fürstenwaldes, Maler, Grafiker, Illustrator und Lehrer gewürdigt.

Außerdem unterhält die Stadt Fürstenwalde ein Gerhard-Goßmann-Archiv, dem 2013 unter anderem ein Konvolut aus 574 Kunstwerken, Zeichnungen, Grafiken, Radierungen, Tafelbildern, Illustrationen in Büchern, Aquarelle und Mischtechniken auf Papier, zugeordnet wurde, wie es bei Wikipedia heißt.

Im Übrigen hat Gerhard Goßmann spät, aber nicht zu spät noch ein anderes Talent entdeckt, das Talent zu schreiben. So erschien 2002 – also zum 90. Geburtstag des Künstlers, den er allerdings nicht mehr erlebt hatte – im findling verlag Werneuchen der Band „Geboren 1912 – Der Grafiker und Illustrator Gerhard Goßmann“ mit autobiografischen Texten aus dessen eigener Feder. Sie skizzieren seinen Lebensweg und seine Weltanschauung. Sie erzählen von seiner Kindheit und Jugend. Sie berichten von Erfahrungen und Erlebnissen, die ihn auf seinem Weg zum anerkannten und geachteten Künstler prägten. Die im Buch enthaltenen, zum Teil erstmals veröffentlichten Radierungen erinnern an die hervorragenden Leistungen Goßmanns insbesondere in der grafischen Buchkunst.

Stichwort Buchkunst. Viel Vergnügen beim Lesen, wiederum viel Vorfreude auf den baldigen Sommer, der ja nun bald kommen soll, bleiben auch Sie weiter vor allem schön gesund und munter und bis demnächst.

Und vor-freuen Sie sich schon auf den Newsletter der nächsten Woche, der wiederum mit preisgesenkten E-Books von Uwe Kant (3) und Kurt David bekanntmachen wird. Er erscheint exakt am Freitag, 16. Juni 2023, also fünf Tage vor dem diesjährigen Sommeranfang. Los geht es genau um 16.57 Uhr – kalendarisch oder auch astronomisch gesehen. Meteorologisch gesehen haben wir wie in jedem Jahr schon seit dem 1. Juni Sommer. Doppelt hält besser …

Über die EDITION digital Pekrul & Sohn GbR

EDITION digital war vor 28 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Inzwischen gibt der Verlag Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher gedruckt und als E-Book heraus. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher ehemaliger DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.300 Titel. E-Books sind barrierefrei und Bücher werden klimaneutral gedruckt.

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