Bischöfe und Mitglieder römisch-katholischer Ortskirchen aus Afrika, Lateinamerika und Asien haben sich am 26. und 27. Januar über das politische Engagement pentekostaler (pfingstlerischer) Gruppen im Globalen Süden ausgetauscht. Die Tagung fand als Videokonferenz unter der Leitung des Vorsitzenden der Kommission Weltkirche der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Bertram Meier (Augsburg), statt und wurde vom katholischen Institut für Weltkirche und Mission in Frankfurt am Main organisiert.

Während sich die klassische Pfingstbewegung durch ein weitgehend unpolitisches Selbstverständnis auszeichne, gebe es von Seiten pentekostaler Gemeinschaften in den zurückliegenden Jahrzehnten weltweit in sehr unterschiedlichen Formen ein zunehmendes Engagement in öffentlichen, gesellschaftlichen und politischen Fragen.

Gesellschaftliches Engagement sogenannter „Megakirchen“

Auch wenn diese Entwicklung aus der Sicht der römisch-katholischen Soziallehre, die von einer Weltverantwortung der Christen ausgeht, zunächst positiv zu bewerten sei, stimme sie in einer Reihe von Ländern mit rechtsgerichteten, antidemokratischen Strömungen überein, die nicht selten zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft führten. Vor allem die Haltung einiger pfingstkirchlicher Akteure und sogenannter „Megachurches“ werfe Fragen auf, zumal wenn politische Anführer die Religion mit Blick auf Ziele von Minderheiten instrumentalisierten oder eine aggressive Rhetorik zu einer Spaltung der Gesellschaft beitrage. Diese Phänomene seien nicht nur punktuell zu beobachten. Sie seien jedoch kein allgemeines Kennzeichen des pentekostalen Christentums.

Welche Bedeutung diesen Entwicklungen zukomme und welche theologischen Vorstellungen ihnen zugrunde lägen, wurde in einem wissenschaftlichen Projekt des Instituts für Weltkirche und Mission über „Politischen Pentekostalismus“ erforscht, das 2021 seinen Abschluss fand und dessen Ergebnisse im Verlauf der Tagung vorgestellt wurden.

Weltweit jeder vierte Christ mit pfingstkirchlicher Spiritualität

Weltweit gehörten 615 Millionen Menschen – das ist jeder vierte Christ – der pentekostalen Tradition an, die in sich sehr vielfältig sei. Darauf wies Bischof Meier zu Beginn der Konferenz hin. Die dynamische Ausbreitung des pfingstkirchlichen Christentums sei ein überraschendes Phänomen der vergangenen Jahrzehnte. Es werfe viele Fragen, auch Anfragen an die traditionellen Kirchen auf. Offenbar spreche im globalen Süden, anders als in Europa, die pfingstkirchliche Spiritualität das religiöse Empfinden vieler Menschen an.

Der kommissarische Direktor des Instituts für Weltkirche und Mission, Pater Dr. Markus Luber, führte in die Ergebnisse des von der Deutschen Bischofskonferenz unterstützten Forschungsprojekts ein. Die drei Kontinente umfassende Studie werfe Schlaglichter auf die Situation in Brasilien, auf den Philippinen und in Nigeria. Eine allgemeine Aussage über das Ausmaß des politischen pfingstkirchlichen Engagements in globaler Perspektive könne, so Pater Luber, aufgrund der Studie nicht getroffen werden. Jedoch lasse sich trotz erheblicher regionaler Unterschiede feststellen, dass pentekostale Gläubige und Gemeinschaften mit Blick auf die religiösen und politischen Veränderungen in vielen Regionen inzwischen zu bedeutenden Akteuren geworden seien.

Weltbild pfingstkirchlicher Gruppen nicht automatisch autoritär

Entgegen der verbreiteten Auffassung, dass pentekostale Gruppen aufgrund ihres Weltbildes per se autoritären und antidemokratischen Positionen zuneigten, unterstrich der Mitautor der Studie, Dr. Leandro Bedin Fontana, dass die Untersuchung diese Vermutung nicht bestätige. Pfingstkirchliche Theologie vertrete generell konservative moralische Positionen. Das Spektrum des pfingstkirchlichen politischen Engagements erweise sich jedoch als sehr breit. Es umfasse, wenngleich in geringerem Maße, auch progressivere Prägungen.

Theologische Motive der Politischen Pfingstbewegung

Eine zentrale Einsicht des Forschungsprojekts bestehe darin, dass der Politische Pentekostalismus nur angemessen verstanden werden könne, wenn die damit verbundenen theologischen Motive in die Erklärung einbezogen würden. Eine prominente Rolle spiele die sogenannte „Herrschaftstheologie“ mit ihren Motiven der „geistlichen Kriegsführung“ und die „Wohlstandstheologie“. Wie Pater Luber darlegte, gelte es dabei zu berücksichtigen, dass es sich nicht um eine theologisch umfänglich entfaltete Lehre handele. Die „Herrschaftstheologie“ stelle die Welt als Schlachtfeld dar, auf dem ein Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis ausgetragen wird. Die Gläubigen nehmen teil an diesem Kampf durch ihre kritische Haltung gegenüber der Welt und durch ihr Gebet („warfare prayer“). Darüber hinaus werde der Kampf gegen das Böse auch durch Heilungs- und Salbungszeremonien von Politikern inszeniert. Der Aufführungscharakter, der solche Zeremonien präge, vermittle den Gläubigen im Unterschied zu einer rein verbalen Verkündigung das Gefühl, selbst Teil des Geschehens zu sein. Sie würden nicht nur auf einer verstandesmäßigen Ebene angesprochen, sondern durch Mit-Erleben.

„Megakirchen“ als Epizentren

Als Epizentren der neuen religiösen Entwicklung identifiziert das Forschungsprojekt die „Megachurches“, die auf allen drei untersuchten Kontinenten begegnen. Sie würden ein weltweites Netzwerk bilden, das von pastoralen Eliten getragen werde. Damit sei eine weitere wesentliche Veränderung zur klassischen Pfingstbewegung sichtbar geworden. Das Bild sei nicht mehr wie in den Anfangszeiten der pentekostalen Bewegung vorrangig geprägt von armen Gläubigen aus Randgebieten, die sich in Garagenkirchen versammeln, sondern von gut ausgebildeten und wohlhabenden Angehörigen der oberen Gesellschaftsschichten, die ihre Gottesdienste in repräsentativen Gebäuden feierten. Aus diesen Kreisen rekrutierten sich auch die politisch relevanten Akteure der „Politischen Pfingstbewegung“. Das Engagement erstrecke sich dabei nicht nur auf direkte politische Betätigung, sondern ziele auch auf gesellschaftliche Umgestaltung durch Einflussnahme auf Bereiche wie Kultur, Bildung, Sport, Kommunikation und Ökonomie.

Ein breites Spektrum

In der Konferenz sei deutlich geworden, dass es in der Beurteilung des pfingstkirchlichen politischen Engagements durch die römisch-katholischen Ortskirchen und hinsichtlich der Qualität der ökumenischen Beziehungen ein breites Spektrum gebe. Die Reaktionen reichten von Skepsis und Abgrenzung über eine geräuschlose Koexistenz bis hin zu einem guten ökumenischen Miteinander. Dabei sei zu beachten, dass die pfingstkirchlichen Gemeinschaften aufgrund ihrer stark dezentralen Organisationsform sehr heterogen seien. Diese Uneinheitlichkeit erkläre nicht allein die verschiedenen inhaltlichen Ausprägungen des öffentlichen Engagements, sondern auch die unterschiedlichen katholischen Reaktionen darauf.

Die Studie „Political Pentecostalism“ ist im Internet in englischer Sprache als PDF zu finden unter

https://www.verlag-pustet.de/sites/pustet.verlagsweb.de/files/publications/politcal_pentecostalism.pdf.

Hintergrundinformationen

Weltweit werden Gemeinden mit pfingstkirchlicher Tradition (klassisch und neo-pentekostal) etwa 615 Millionen Mitglieder zugerechnet. In Deutschland vertritt der Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) rund 900 Gemeinden vor Ort mit 64.807 Mitgliedern (2022). Er ist Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Auf vatikanischer und auf ortskirchlicher Ebene gebe es in der römisch-katholischen Kirche vielfältige ökumenische Beziehungen und einen theologischen Dialog, der kritische Anfragen, etwa zu dem in Pfingstkirchen gepredigten „Wohlstandsevangelium“, einem fundamentalistischen Bibelverständnis und Proselytismus einschließe.

Die Deutsche Bischofskonferenz ist ein Zusammenschluss der römisch-katholischen Bischöfe aller Bistümer in Deutschland. Derzeit gehören ihr 67 Mitglieder (Stand: Januar 2023) aus den 27 deutschen Bistümern an. Sie wurde eingerichtet zur Förderung gemeinsamer pastoraler Aufgaben, zur Koordinierung der kirchlichen Arbeit, zum gemeinsamen Erlass von Entscheidungen sowie zur Kontaktpflege zu anderen römisch-katholischen Bischofskonferenzen. Oberstes Gremium der Deutschen Bischofskonferenz ist die Vollversammlung aller Bischöfe, die regelmäßig im Frühjahr und Herbst für mehrere Tage zusammentrifft.

Die Deutsche Bischofskonferenz beobachtet nach eigenen Angaben seit 30 Jahren die weltweite Entwicklung des pentekostalen Christentums. Sie hat mehrere Studien zu dem Thema in Auftrag gegeben und zusammen mit den Ortskirchen internationale Konferenzen in Rom, Abuja/Nigeria und Guatemala durchgeführt, in denen die pastorale Bedeutung der Entwicklung für die römisch-katholische Kirche diskutiert wurde. Studien und Konferenzberichte sind unter www.dbk-shop.de verfügbar und können als Broschüren bestellt werden.

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