NO PLACE LIKE HOME präsentiert die erste große Überblicksausstellung zur italienischen Fotografie seit den 1980er Jahren. Rund 300 Arbeiten von 42 Fotograf:innen zeigen, wie das aus dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit hervorgegangene Land eine eigene fotografische Bildsprache gefunden hat. In der Poesie des Alltags erfassen sie soziale wie gesellschaftliche Verflechtungen, entlarven und reflektieren die imperiale Vergangenheit ihres Heimatlandes und hinterfragen kritisch das Medium der Fotografie: mal traditionell, mal konzeptionell, immer berührend und fernab der Klischees von „Dolce Vita“ und „Bella Italia“.
Die italienische Fotografie dieser Zeit entwickelte sich einerseits im Kontext der Arte Povera und des Neorealismus und weist andererseits Einflüsse der amerikanischen New Color Photography und der deutschen Fotografie auf, wie sie von Otto Steinert an der Folkwangschule in Essen und Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie unterrichtet wurde.
Unter den präsentierten Serien befinden sich auch Vintage-Prints und selten gezeigte Originalabzüge aus den frühen 1980er Jahren, darunter Werke von Guido Guidi (*1941), Gabriele Basilico (1944– 2013), Luigi Ghirri (1943–1992) und Marina Ballo Charmet (*1952).
Das Spektrum der ausgestellten Arbeiten umfasst zahlreiche Porträts, konzeptionelle und serielle Arbeiten, sozial, politisch und gesellschaftlich verortete Aufnahmen und Landschaftsfotografien, die einen besonderen Stellenwert in der italienischen Kunst einnehmen. Insbesondere die sogenannte „Fotografie der Orte“, die sich in den frühen 1980er Jahren in Italien etablierte, richtet den Blick auf eine kollektive Identität mit deren Hilfe die Autor:innen selbstbewusst ihren Anspruch auf künstlerische Autonomie formulierten.
In den frühen 1990er Jahren führten die wirtschaftliche Entwicklung und die ersten Auswirkungen der Globalisierung dazu, dass sich Fotograf:innen wie Marina Ballo Charmet, Paola De Pietri, William Guerrieri oder Paola Di Bello für urbane Räume, den Identitätsverlust von Orten und soziale Fragen interessierten.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends bildeten verschiedene Krisen einen Nährboden für neue fotografische Ansätze und künstlerische Strategien. Soziale Ungerechtigkeiten im Land, Forderungen nach Gleichberechtigung der Geschlechter oder Fragen der Migration schufen einen neuen kulturellen Rahmen und brachten eine junge Generation von Fotograf:innen hervor: Marcello Galvani, Francesco Neri, Luca Nostri, Allegra Martin und Cesare Fabbri – allesamt Studierende und Weggefährten von Guido Guidi. Sie verstanden sich als Vertreter einer langen künstlerischen Tradition und wandten sich dem urbanen Raum in der Provinz zu.
Eine weitere Gruppe von Fotograf:innen entwickelte eine neue Erzählmethode, die formal an die Reportagefotografie der 1970er Jahre anknüpfte. In den gesellschafts- und sozialkritischen Arbeiten von Michela Palermo, Nicola Lo Calzo, Giulia Iacolutti, Davide Degano, Michele Borzoni oder Simone Donati wird die künstlerische Verwandtschaft zu den Vertreter:innen der Folkwangschule wie Joachim Brohm, Wendelin Bottländer oder Petra Wittmar sichtbar. Andrea Botto, Maurizio Montagna und Alessandro Ruzzier bedienen sich realer oder konstruierter Momente, aus denen sie ihre Arbeiten entwickelten – in Anlehnung an Vorbilder der Postmoderne sowie der „objektiven Fotografie“ der Kunstakademie Düsseldorf von Thomas Ruff, Thomas Struth, Candida Höfer und Axel Hütte.
In der jungen italienischen Fotografie wird deutlich, dass Fotograf:innen wie Francesca Iovene, Carmen Colombo, Matteo Di Giovanni, Tomaso Clavarino, Giulia Agostini, Federico Clavarino und Iacopo Pasqui sich in ihren Bilduntersuchungen nicht mehr auf den öffentlichen Raum als Ort kollektiver Identität fokussieren, sondern einen freieren Umgang mit Erzählstrukturen rund um die Themen Individualität, Community und Diversität propagieren. In den oft biografisch geprägten Serien vernachlässigen sie die erzählerische Abfolge von Bildern zugunsten einer Aneinanderreihung einzelner figurativer Elemente, die mit symbolischen Werten ihrer Generation aufgeladen sind. Dabei setzen sie sich kritisch mit dem Begriff von Heimat und der eigenen Herkunft auseinander.
Die Ausstellung NO PLACE LIKE HOME wird von Ralph Goertz, Leiter des IKS Photo Düsseldorf, kuratiert und in Zusammenarbeit mit den Partnerinstitutionen jeweils neu und individuell zusammengestellt.
Der reich bebilderte Katalog zur Ausstellung erschien im Verlag der Buchhandlungen Walther und Franz König, mit einem gemeinsamen Vorwort von León Krempel, Svenja Frank, Corinna Otto, Ralph Goertz und Texten von Nicoletta Leonardi und Ralph Goertz.
Teilnehmende Fotograf:innen:
Giulia Agostini, Marina Ballo Charmet, Olivo Barbieri, Fabio Barile, Gabriele Basilico, Michele Borzoni, Andrea Botto, Michele Buda, Michele Cera, Federico Clavarino, Tomaso Clavarino, Carmen Colombo, Mario Cresci, Paola De Pietri, Davide Degano, Paola Di Bello, Matteo Di Giovanni, Simone Donati, Alessandra Dragoni, Cesare Fabbri, Marcello Galvani, Luigi Ghirri, William Guerrieri, Guido Guidi, Giulia Iacolutti, Francesca Iovene, Armin Linke, Nicola Lo Calzo, Sara Lorusso, Rachele Maistrello, Allegra Martin, Marco Marzocchi, Sofia Masini, Maurizio Montagna, Francesco Neri, Walter Niedermayr, Luca Nostri, Michela Palermo, Sara Palmieri, Iacopo Pasqui, Piero Percoco und Alessandro Ruzzier
ERÖFFNUNG:
Sonntag, 01.02.2026, 11:30 Uhr
Eintritt frei!
THE SCHAUFLER FOUNDATION SCHAUWERK Sindelfingen
Eschenbrünnlestraße 15
71065 Sindelfingen
Telefon: +49 (7031) 93249-00
Telefax: +49 (7031) 93249-20
http://www.schauwerk-sindelfingen.de
Presse • Kommunikation
Telefon: +49 (70) 3193249-11
E-Mail: sarah.wegenast@schauwerk-sindelfingen.de
![]()