Eine aktuelle Analyse der Arzneimittelversorgung in Deutschland im Jahr 2019 zeigt, dass das Umsatz- bzw. Ausgabenwachstum wesentlich auf den Einsatz innovativer Therapeutika gegen schwere Erkrankungen zurückgeht. Im Vergleich mit dem Vorjahr fielen dadurch zwar Mehrausgaben an; jedoch haben sich auch die aus verschiedenen Kostendämpfungsmaßnahmen resultierenden bzw. zu erwartenden Einsparungen der Krankenkassen in 2019 weiter erhöht und erreichen einen neuen Höchststand. In der getrennten Betrachtung von Klinik- und Apothekensegment legt der stationäre Bereich stärker zu, was mit der Behandlung schwerer Erkrankungen, seltene Leiden eingeschlossen, zusammenhängen dürfte. In beiden Sektoren existieren hinsichtlich der führenden Arzneigruppen Überschneidungen wie auch entsprechend den Behandlungsschwerpunkten Unterschiede. Bei führenden Arzneigruppen offenbart sich außerdem ein beträchtliches Überschneidungspotenzial zwischen GKV und PKV.

Deutscher Pharmagesamtmarkt 2019: Wachstum verdankt sich Innovationen

Im Jahr 2019 stieg der Umsatz im gesamten deutschen Pharmamarkt – also Klinik- und Apothekensegment – um knapp 7 % auf 46,4 Mrd. Euro (Basis: Herstellerabgabepreise ohne jegliche Abzüge im Apotheken-, berechnete Preise im Kliniksegment). Einbezogen sind hier auch Impfstoffe und Diagnostika. Die Menge nach Zähleinheiten (Tabletten, Kapseln, Portionsbeutel, Injektionen usw.) erhöhte sich um knapp 1 % auf 98,1 Mrd. In getrennter Betrachtung der Sektoren steigt das Volumen nach Wert im stationären Sektor um 10 %, im niedergelassenen Bereich um 6 %. Die Menge erhöht sich jeweils um weniger als 1 % (Abb. 1 zum Herunterladen). 

Das Wachstum wird in beiden Sektoren durch patentgeschützte Arzneimittel befördert. Dabei wächst von in den 2000er Jahren eingeführten Medikamenten die Kategorie der ab 2015 ausgebotenen Präparate erwartungsgemäß am stärksten, da sich kürzer am Markt befindliche Medikamente für Dauertherapien zum Teil noch in der Etablierungsphase befinden (Abb. 2 zum Herunterladen).

Präparate zur Behandlung schwerer Erkrankungen

Bei seit 2015 eingeführten patentgeschützten Präparaten, die ein zweistelliges Umsatzwachstum aufweisen, handelt es sich fast ausnahmslos um Arzneimittel zur Behandlung schwerer Erkrankungen. Darunter finden sich zunehmend auch Medikamente, die bei seltenen Erkrankungen indiziert sind.

In der Klinik betrifft dies unter den seit 2015 verfügbaren führenden Kategorien verschiedene Krebstherapeutika wie z.B. Antineoplastika und Proteinkinasehemmer; des Weiteren verschiedene ZNS-wirksame Präparate (zentrales Nervensystem), unter denen vor allem das 2017 eingeführte Präparat Spinraza zu erwähnen ist, das erstmals die Behandlung der seltenen Erbkrankheit spinale Muskelatrophie (SMA) ermöglicht. Im selben Jahr wurde auch das Medikament Brineura eingeführt, das der Behandlung einer seltenen Erbkrankheit bei Kindern, die zu einem fortschreitenden Hirnschaden führt, dient, der neuronalen Ceroid-Lipofuszinose Typ 2 (CLN2). Im Jahr 2018 wurde mit Onpattro ein Medikament gegen seltene Leiden bei Erwachsenen ausgeboten, das zur Behandlung der Nervenschädigung bei einer ebenfalls erblich bedingten Erkrankung angewendet wird. Seit 2015 gibt es ferner mehrere innovative Arzneien zur Behandlung von multipler Sklerose. Systemische Medikamente für die Therapie der Hautkrankheit Psoriasis sowie verschiedene Hämatologika zur Anwendung bei Bluterkrankungen zählen ebenfalls zu den seit 2015 stark wachsenden patentgeschützten Therapeutika mit Anwendung in der Klinik, außerdem Interleukine. Diese Immunregulatoren werden bei verschiedenen Krankheiten eingesetzt.

Im Apothekensektor betrifft das Wachstum neuer patentgeschützter Medikamente teilweise die gleichen Arzneigruppen wie in der Klinik, zum Teil auch andere, bedingt durch die jeweiligen Behandlungsschwerpunkte. Überschneidungen gibt es bei Krebstherapeutika wie z.B. Antineoplastika und Proteinkinasehemmern, da Krebstherapien heute oftmals auch ambulant durchgeführt werden. Ferner spielen Interleukine in der ambulanten Behandlung ebenfalls eine nennenswerte Rolle. Auch direkte Faktor Xa-Hemmer, die der Prophylaxe von Schlaganfall, z.B. bei Vorhofflimmern, sowie von Thrombo- und Lungenembolien dienen, systemische Arzneien zur Behandlung von Psoriasis, spezifische Antirheumatika sowie Anticholinergika zur Therapie von Atemwegserkrankungen konstituieren das Feld der seit 2015 verfügbaren, führenden patentgeschützten Arzneigruppen mit nennenswertem Wachstum im ambulanten Behandlungsbereich niedergelassener Ärzte.

60 % Überschneidung im GKV- und PKV-Segment

Die Ausgaben für Arzneimittel zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stehen dauerhaft im Fokus. Deshalb wird hier auch dieses Segment im Kontext der Arzneimittelentwicklung beleuchtet. Im Jahr 2019 erhöhte sich der Umsatz für Medikamente (ohne Impfstoffe, da andere Kostenstelle) und Testdiagnostika in diesem Bereich um 4,7 % (Basis: Apothekenverkaufspreise abzüglich Zwangsrabatten und Erstattungsbeträgen nach § 130 SGB V). Das entspricht Mehrausgaben von 1,89 Mrd. Euro gegenüber Vorjahr. Noch nicht berücksichtigt sind in diesen Zahlen die Einsparungen aus Rabattverträgen. Auf den Bereich der GKV entfallen etwa drei Viertel des Umsatzes (je nach Preisgrundlage). Von daher überrascht es nicht, wenn die Entwicklung bei den führenden Arzneimittelgruppen im Wesentlichen der des Apothekenmarktes gleicht (Abb. 3 zum Herunterladen).

Darüber hinaus zeigt sich bei den Top 10 Arzneimittelgruppen auch eine relativ hohe Überschneidung – immerhin 60 % – zwischen GKV und privater Krankenversicherung (PKV). Mehrheitlich stellen sich auch die Entwicklungstendenzen bei diesen sechs Gruppen zwischen GKV und PKV ähnlich dar (Abb. 4 zum Herunterladen). Das könnte angesichts des demografischen Faktors mit einer sich angleichenden Morbidität der Versicherten zusammenhängen. Unter den übrigen vier Gruppen fällt im PKV-Bereich vor allem das zweistellige Wachstum der Spritzentherapie ins Auge bei feuchter Makuladegeneration auf (zum Vergleich: GKV +5 % Wachstum jeweils nach Wert und Menge).

GKV-Einsparungen in 2019 weiter gestiegen

Im Jahr 2019 entstanden der GKV 1,89 Mrd. Euro Mehrausgaben, die zu einem erheblichen Teil (42 %) auf Krebstherapeutika zurückgehen.[1] Die Einsparungen aus Herstellerabschlägen haben sich jedoch in 2019 fortgesetzt und erreichen mit einem Betrag von fast 4,9 Mrd. Euro, 21 % mehr als im Vorjahr, einen neuen Höchststand (Abb. 5). Noch nicht berücksichtigt sind hierbei Einsparungen aus Rabattverträgen, die für das Gesamtjahr 2019 noch nicht veröffentlicht sind. Rechnet man diese auf Basis des Dreivierteljahres 2019 hoch, so ist mit einem Volumen von knapp 4,7 Mrd. Euro zu rechnen; dies würde gegenüber 2018 (4,4 Mrd. Euro) ebenfalls einen weiteren Anstieg bedeuten.[2]

Aktuell machen Rabatte durch Erstattungsbeträge für AMNOG-Produkte zwei Drittel des Einsparvolumens aus, was eine weitere erhebliche Steigerung gegenüber 2018 (+37 %) markiert (Abb. 5 zum Herunterladen). Den privaten Versicherungen kommen in 2019 berechnete Einsparungen durch Herstellerabschläge in Höhe von 780 Mio. Euro zu Gute. Die Apothekennachlässe gegenüber der GKV stagnieren bei etwas über einer Milliarde Euro.

1 Vgl. dazu IQVIA-Marktbericht zum Jahr 2019, Seite 26: https://www.iqvia.com/…

Berechnung: Einsparvolumen im Dreivierteljahr 2019: 3.507 Mrd. Euro, dividiert durch 9, multipliziert mit 12. Datenquelle der Angaben zu Einsparungen im Dreivierteljahr: KV 45.

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