Das Jahr 2021 steht bisher ganz im Zeichen der Erholung: Die großen Industrienationen erleben eine Zeit der sinkenden Inzidenzzahlen und immer mehr Menschen sind gegen das Coronavirus geimpft. Auch die Schwellenländer erholen sich langsam wieder. James Donald, Leiter der Emerging Markets-Plattform bei Lazard Asset Management, ist optimistisch: „In den Schwellenländern erwarte ich in der zweiten Hälfte dieses Jahres eine noch stärkere Erholung als bisher.“ Doch es gebe auch einige Fallstricke.

Da sei zum einen das uneinheitliche Bild der Erholungen: „China, Korea und Taiwan haben alle schnell reagiert, um den ersten Ausbruch der Coronapandemie zu kontrollieren, und sind seit einigen Quartalen wieder geöffnet“, sagt Donald. Indien hingegen habe erst kürzlich eine brutale zweite Welle erlebt, die das Gesundheitssystem des Landes überfordert habe, und auch Teile Lateinamerikas seien nach wie vor stark betroffen. Das mache Investoren eine Gesamteinschätzung der Emerging Markets schwer. Nichtsdestotrotz: „Wir erwarten, dass sich die Schwellenländer in der zweiten Jahreshälfte 2021 ernsthaft zu erholen beginnen und sich das bis ins Jahr 2022 fortsetzen wird“, sagt EM-Experte Donald.

Das Coronavirus sei aber nicht das Einzige, das die zerbrechliche Erholung stoppen könnte. Sollten die bisher steigenden Rohstoffpreise wieder zu sinken beginnen, könnten viele der Schwellenländer unter Druck geraten. Denn da die meisten Schwellenländer Nettoexporteure von Rohstoffen seien, hänge ihre weitere wirtschaftliche Erholung auch von der Entwicklung der Rohstoffpreise ab.

Unternehmen fangen wieder an zu investieren
Diese Abhängigkeit bedeute aber umgekehrt auch: Die Industrieländer könnten die Erholung in den Schwellenländern weiter verstärken. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, neuen Infrastrukturprogrammen und einem zunehmenden Fokus auf ökologische Nachhaltigkeit dürften die Investitionsausgaben der Unternehmen in den Industrienationen wieder steigen. In den USA beispielsweise dürften die Investitionsausgaben 2021 gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent zulegen und damit die Investitionen in den Schwellenländern im aktuellen Jahr auch wieder anziehen, beispielweise in Kolumbien, Argentinien und Indien um 16 bis 21 Prozent. Der Grund: „Weil viele Unternehmen aus den Schwellenländern in der globalen Lieferkette als Zulieferer eine wichtige Rolle einnehmen, ist ein Erstarken der weltweiten Investitionsausgaben ein gutes Signal für Aktien aus den Schwellenländern“, sagt Donald. Dies gelte insbesondere für Unternehmen, die von höheren Rohstoffpreisen profitieren und Handelswaren anstatt Dienstleistungen anbieten.

Inflation ist ein Zeichen für Erstarken der Wirtschaft – solange sie nicht zu stark steigt
Auch die steigende Inflation könnte für Schwellenländerinvestments sprechen. Die Verbraucherpreise in den USA lagen im Mai fünf Prozent höher als im Vorjahr, die Kerninflationsrate erreichte mit 3,8 Prozent den höchsten Stand seit 1992. Auch in den Schwellenländern sei die Inflation tendenziell angestiegen, getrieben durch eine Kombination aus pandemiebedingter Unsicherheit, Lieferengpässen und logistischen Problemen sowie höheren Energiepreisen. Inzwischen seien auch die Erzeugerpreise in den Schwellenländern deutlich in die Höhe gestiegen, wenn auch der Durchschlag auf die Verbraucherpreise bislang uneinheitlich sei. „Steigende Inflation ist ein Signal für ein starkes Wirtschaftswachstum und damit generell gut für Aktien aus den Emerging Markets“, sagt Donald. Die Gewinnaussichten seien besonders gut für Unternehmen, die bei steigenden Umsätzen höhere Gewinnmargen erzielen. Steigende Preise seien jedoch nicht immer ein gutes Zeichen. „Meine größte Sorge ist, dass die Inflation ein so hohes Niveau erreicht, dass sie das globale Wachstum behindert. Das wäre ein klarer Nachteil für die Assetklasse“, warnt Donald. 

Lateinamerikanische Politik brodelt
Von den drei großen Schwellenregionen habe Lateinamerika bei Weitem den größten menschlichen und wirtschaftlichen Tribut an das Coronavirus gezahlt. „Es ist daher nicht überraschend, dass ein Jahr, nachdem die Pandemie die Region erreicht hatte, eine Reihe großer politischer Veränderungen in Lateinamerika stattfanden“, sagt Donald. In Kolumbien etwa seien im April dieses Jahres Massenproteste gegen eine angekündigte Steuererhöhung ausgebrochen, während Peru und Mexiko überraschende Wahlergebnisse erlebt hätten, die die politische Landschaft der Länder neu ordneten.

Doch es gebe auch gute Neuigkeiten: In Brasilien, der größten lateinamerikanischen Volkswirtschaft, seien nun rund 27 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mindestens einmal geimpft. Und auch das Wirtschaftswachstum sei wieder auf dem Vorkrisenniveau angekommen. Damit stabilisiere sich die Regierung um Präsidenten Jair Bolsonaro, was für wirtschaftliche Sicherheit sorgen dürfte. Jedoch: „Die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr werden eine polarisierende und umkämpfte Wahl“, sagt James Donald. Investoren sollten sich also nicht zu sicher sein, dass die gesellschaftliche Stabilität von langer Dauer sei.

Den vollständigen Schwellenländerausblick von Lazard Asset Management finden Sie in englischer Sprache anbei.

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