Frömmigkeit und Folklore, Kunst und Geschichte sowie der soziale Zusammenhalt einer Dorfgemeinschaft verschmelzen dabei zu einem fesselnden Ereignis. Am 26. Mai und am 2. Juni 2024 ist es wieder soweit.

Die Valle Camonica in der Provinz Brescia ist so etwas wie eine gut gehütete Schatzkammer. Abseits ausgetretener Touristenpfade finden sich hier, im Hinterland des Iseosees, überraschende Kunstwerke und mit den prähistorischen Felsritzungen Italiens älteste UNESCO-Welterbestätte. Auch religiöses Brauchtum und Spiritualität sind in dem langgestreckten Gebirgstal bis heute tief verwurzelt. Eindrucksvoll erleben lässt sich das, wenn Cerveno, ein mittelalterlich geprägter Borgo mitten im Tal am Ufer des Oglio-Flusses gelegen, seine Santa Crus feiert. Das Passionsspiel zum Gedenken an Leidensweg und Tod Christi findet alle zehn Jahre statt. Pilger und Schaulustige zieht es zu Tausenden in den kleinen Ort, der nicht einmal 700 Einwohner zählt. Denn Santa Crus in Cerveno ist ein faszinierendes Ereignis mit kaum fassbarem Charakter – Frömmigkeit und Folklore, Kunst, Geschichte und eine funktionierende Dorfgemeinschaft sind seine Ingredienzien.

In der Vorbereitungsphase wählen die Dorfbewohner rund 100 Menschen aus den eigenen Reihen als Akteure aus – Erwachsene und Kinder, die die Stationen der christlichen Passion in Szene setzten. Leidenschaft für die Sache ist dabei wichtiger als Schauspieltalent. Während die eine für das Passions-Spiel proben, fertigen die anderen Einwohner Kostüme, Bühnenbilder und Requisiten. Zur Bühne wird schließlich der ganze Ort. Bis die Prozession am großen Tag den etwas außerhalb gelegenen Kreuzigungshügel erreicht, dienen eine Käserei, mehrere Bauern- und Innenhöfe sowie eine Mühle aus dem 17. Jahrhundert als atmosphärischen Schauplätze für die dramatischen Ereignisse. Das gemeinsame Planen und Spielen und der Austausch von Ideen eint die Gemeinschaft des Ortes – alle zehn Jahre aufs Neue.

Der Tag im Mai, an dem das heilige Kreuz gefunden wurde

Die Anfänge der Santa Crus von Cerveno liegen im 19. Jahrhundert. Seither wird die Passion Christi im Zehn-Jahre-Rhythmus zur Aufführung gebracht. Lediglich Kriege und zuletzt die Corona-Pandemie haben die Tradition so manches Mal etwas aus dem Takt gebracht. Turnusmäßig hätte Santa Crus 2022 stattfinden sollen. Von den Dorfbewohnern umso sehnlicher erwartet wird sie nun am 26. Mai und am 2. Juni 2024 nachgeholt. Kalendarisch war das Passionsspiel von Cerveno schon immer abgekoppelt von der Osterzeit, in der sich Christen an Leiden, Tod und Auferstehung des Gottessohnes erinnern. Santa Crus bezieht sich auf ein Ereignis, das die Kirche im Mittelalter auf den 3. Mai datiert hatte – die Wiederentdeckung des Kreuzes, an dem Jesus gestorben sein soll. Durch die Reform des Kirchenkalenders hat sich dieser kalendarische Gedenktag in die zweite Maihälfte verschoben und daran halten sich die Passionsspieler im Camonica-Tal.

Frisch restauriert: schmerzerfüllte Gesichter und himmlische Sphären

Ein Kleinod der Kunst und zu jeder Zeit ein Besuchermagnet ist das „Santuario della Via Crucis“, Cervenos Wallfahrtskirche. Üppig mit „himmlischen“ Wandmalereien und einer beeindruckenden Zahl von Skulpturen aus Holz und Gips ausgestattet, zeigt das Bauwerk, dass man in dem kleinen Ort schon vor Jahrhunderten großen Wert auf Kunst gelegt hat. Im Dialekt der Valle Camonica wird die Wallfahrtsstätte „le Capèle“ genannt. Kapellen nämlich bilden ihr Herzstück. Sie reihen sich in den Nischen, links und rechts des zum Altar führenden Gangs. In jeder der 14 Kapellen ist eine Station der Via Crucis, des Leidenswegs Christi, dargestellt – von der Festnahme im Garten Gethsemane bis zur Abnahme des Leichnams vom Kreuz und der Beweinung des toten Christus durch seine Mutter Maria und die engsten Getreuen.  Insgesamt 198 Skulpturen aus Holz und  Gips bevölkern das Santuario della Via Crucis, das in der lombardischen Tradition der Sacri Monti, künstlerisch anschaulicher christlicher Wallfahrtstätten steht.

Der größte Teil der Figuren wurde von Beniamino Simoni erschaffen, einem Künstler aus der Valle Camonica, der anno 1752 mit seiner Arbeit begann. Neun Jahre war Simoni mit dem Schnitzen und Formen der Figuren mit den schmerzerfüllten Gesichtern beschäftigt, die sein Hauptwerk werden sollten. Nach Simonis Abschied von Cerveno setzten Künstler aus der aus Bergamo stammenden Bildhauerfamilie Fantoni die Arbeit fort. Erst 1869 wurde die letzte der 14 Kapellen vom Mailänder Künstler Giovanni Selleroni vollendet. Im Jahr 2024 erstrahlen „le Capèle“ in frischem Glanz. Zwölf Monate war ein Team aus Bildhauern und Freskenmalern mit der Restaurierung der Kunstwerke beschäftigt. Pünktlich zu Santa Crus 2024 sind sie zum Abschluss gekommen.

Weitere Informationen: www.visitbrescia.it

 

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