Die Berührung war und ist ein Motiv in der Kunst, über das sich nahezu alle Themen des menschlichen Wesens darstellen lässt. Allein in den jahrhunderteumfassenden und genreübergreifenden Sammlungen der Museen Böttcherstraße werden Aspekte wie Fürsorge, Liebe, Treue, aber auch Verletzung und Schmerz in Kunstwerken von Paula Modersohn-Becker, Tilman Riemenschneider, Bernhard Hoetger oder Lucas Cranach d.Ä. thematisiert. Aus dieser Erkenntnis heraus und unter dem Eindruck der Abstands- und Distanzregeln zur Eindämmung des Corona-Virus entwickelte sich die Ausstellungsidee zu „Berührend – Annäherung an ein wesentliches Bedürfnis“ im Paula Modersohn-Becker Museum. Leihgaben von Künstlerinnen und Künstlern wie Marina Abramović, Stephan Balkenhol, Vivian Greven, Käthe Kollwitz, August Macke, Robert Mapplethorpe oder Pipilotti Rist ergänzen die Sammlungswerke, sodass ein Rundgang durch mehr als 60 Kunstwerke in sechs Themenräumen entsteht. Der Stellenwert der Berührung für unsere heutige Gesellschaft wird durch Zitate, Texte und Videos von Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen verdeutlicht. Die Arten, Variationen und Gehalte von Berührung sind weitaus vielfältiger, als sie in einer einzelnen Ausstellung gezeigt werden können. Die in den Museen Böttcherstraße ausgestellten Werke können jedoch veranschaulichen, wie essentiell und vielfältig das Thema in der Kunst und im Leben ist.

Gleich zu Beginn des Rundgangs hängt ein Bildpaar, das die Mehrdeutigkeit des Titels „Berührend“ veranschaulicht: „Christus als Schmerzensmann“ (um 1537) von Lucas Cranach d. Ä. und Paula Modersohn-Beckers berühmtes „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ (1906). Nicht nur die Selbstberührung der abgebildeten Personen qualifizieren diese Gemälde für die Ausstellung, sondern vor allem die emotionale Berührung, die durch die starke Ausdruckskraft der Kunstwerke hervorgerufen wird. Das Bild von Lucas Cranach d. Ä. offenbart das Leiden Christi und diente in seinem ursprünglichen Zweck einer fast physischen Glaubenserfahrung; Die Hände deuten auf die Wunde, die durch die Berührung sogar noch weiter geöffnet wird. Durch den intensiven, leidenden Blick kann sich der Betrachter dem Schmerz nicht entziehen. Paula Modersohn-Becker hingegen vermittelt durch die sanfte Umschließung ihres nackten, gewölbten Bauches gepaart mit dem friedlichen Gesichtsausdruck eine innere Ruhe und Zufriedenheit, die ihr Selbstverständnis als selbstbewusste Frau und Künstlerin widerspiegelt.

Verschiedene Arten der Berührung werden im Ausstellungsrundgang in sechs Themenräumen mit mehr als 60 Kunstwerken beleuchtet; so wie die Berührung zwischen einer Mutter und ihrem Kind, in denen sich Fürsorge und Schutz widerspiegeln. Der kunstgeschichtliche Ursprung dieses Motivs liegt in der Darstellung von Maria mit dem Christuskind wie das Beispiel „Maria lactans“ (1515) aus der hauseigenen Sammlung zeigt. Fortgeführt wird dieses Sujet unter anderem in der Skulptur „Mutter und Kind“ (1936) von Bernhard Hoetger oder – konzentriert auf die schützende Bedeutung der Hände – in August Mackes „Porträt Walter Macke mit Häschen“ (1910).

Weniger um Schutz als vielmehr um Liebe geht es im nächsten Themenraum, wobei der sexuelle Aspekt ausgespart wird, da es um die Berührung an sich gehen soll. In der Fotografie des US-Amerikaners Robert Mapplethorpe „Embrace“ (1982) oder der Malerei „Leea II“ (2019) von Vivian Greven verschmelzen die Körper geradezu in der Berührung. Die Identitäten der Figuren sind nicht erkennbar, weil es weniger um den Einzelnen als um das Zusammen geht. „Der Kuss“ von Cornelia Schleime betont einen anderen Aspekt: die filmische Inszenierung des Kusses. Im Close-Up und durch das beträchtliche Format wird der vermeintlich intime Moment zu einem Klischee aufgeblasen.

Wenn sich das Thema der Berührung bisher durchweg positiv dargestellt hat, ändert sich dies mit dem Video „Light/Dark“ (1977) von Marina Abramović und Ulay schlagartig. Denn eine Berührung kann auch schmerzhaft sein, Grenzen überschreiten. In dem Video folgen die Zwei der Handlungsanweisung: „Abwechselnd ohrfeigen wir uns, bis einer von beiden aufhört.“ Auch in dem Sammlungswerk „Susanna im Bade“ aus dem 17. Jahrhundert geht es um Gewalt. Die biblische Erzählung aus dem Alten Testament behandelt eine versuchte Vergewaltigung und Verleumdung. Ein Kunstwerk, das gerade in Zeiten von #metoo-Debatten aktueller erscheint denn je. Valie Export thematisiert die Grenzüberschreitung gegenüber dem weiblichen Körper auf komische aber nicht weniger eindringliche Weise in der Performance „Tapp- und Tastkino“ (1967): Sie entlarvt männliche Übergriffigkeit – bzw. die Männer entlarven sich selbst – indem sie der Einladung folgen, die Brüste der Künstlerin vor den Augen der Öffentlichkeit zu berühren.

Das Kunstwerk der Ausstellung, das sich an Aktualität kaum übertreffen lässt, ist die Fotografie von Michael Wolf „tokyo compression #75“ (2010). Beim Anblick der fast zum Gebet gefalteten Hände, den geschlossenen Augen und dem durch eine Mund-Nasen-Maske verdeckten Gesicht hinter der von Atem beschlagenen U-Bahn-Tür kommen automatisch Assoziationen an Coronabedingte Schutzmaßnahmen auf. Vermeintliche Entspannung nach diesem beklemmenden Kunstwerk bietet das Video „Open my Glade (Flatten)“ (2000) der Schweizerin Pipilotti Rist, das ursprünglich auf den riesigen Screens des Times Square in New York lief. Die Künstlerin presst ihr mal geschminktes, mal ungeschminktes Gesicht gegen eine Scheibe. Diese Unmittelbarkeit und Nähe sind faszinierend und unangenehm zugleich und spielen auf die digitalisierte Gesellschaft an, in der Begegnungen technisiert werden.

Im obersten Raum der Ausstellung kehrt das Thema zurück zu der Berührung zwischen zwei Menschen. Stephan Balkenhols „Tanzende Paare“ (1999) sind elf Stelen mit Tanzpaaren, die im gesamten Raum verteilt sind. Durch die Höhe von 1,70 m und die Möglichkeit, zwischen den verteilten Stelen umher zu gehen, sind die Besucherinnen und Besucher unmittelbar in das Kunstwerk einbezogen. Doch der Abstand zwischen den einzelnen Skulpturen transportiert auch noch ein anderes Gefühl: die Entfremdung und Isolation. So wird man in Zeiten von Corona unwillkürlich an den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,50 Meter erinnert. Nähe und Distanz, Berührung und Vereinzelung halten sich in dieser raumgreifenden Arbeit spannungsvoll die Waage.

Berührung hat viele Gesichter. Sie begegnet uns täglich in unterschiedlicher Gestalt. Wie und in welcher Form, verdeutlichen in der Ausstellung neben den ausgestellten Kunstwerken auch Stellungnahmen unterschiedlicher Berufsgruppen. Darunter sind zum Beispiel ein Masseur, der die entspannende Wirkung der Berührung erklärt, eine Tangotänzerin, die über die intimen Momente beim Tanzen spricht, sowie der Propst der Bremer katholischen Gemeinden, der über die berührende Kraft der Worte im Glauben redet. Weitere Essays von Vertreter*innen unterschiedlicher Berufsgruppen sowie Ausführungen zu den Themenräumen der Ausstellung sind in einem begleitenden Magazin veröffentlicht.

Auch wenn bei der Ausstellung weiterhin die Verhaltensregel "Bitte nicht berühren" gegenüber den Kunstwerken gilt: Das zu Grunde liegende Ziel des Projekts ist, die Relevanz und die Notwendigkeit der Berührung für das Menschsein offenzulegen. Denn erst durch die Berührung erkennt der Mensch die Welt.

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