Schmerzen sind ein Alarmsignal des Körpers. Wer sie dauerhaft hat, leidet oft erheblich. Wie Schmerz entsteht, wie er chronisch wird und was zu tun ist, wenn plötzlich eine akute Verschlimmerung der chronischen Schmerzen oder neue akute Schmerzen auftreten, diese Fragen beantwortet Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger im Interview. Sie ist Psychologische Leiterin des Bereichs Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Anlässlich des bundesweiten Aktionstags gegen den Schmerz informiert die Expertin mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf einem Webinar am 2. Juni über interdisziplinäre Schmerzdiagnostik und Behandlungskonzepte im UKE.

Schmerz ist nicht gleich Schmerz. Ab wann spricht man von einem chronischen Schmerz und wie entsteht er?

Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Im Gegensatz zum akuten Schmerz, der noch eine sinnvolle Warn- und Schutzfunktion besitzt, hat sich der chronische Schmerz von dieser Funktion abgekoppelt und besitzt einen selbstständigen Krankheitswert. Zumeist spricht man von chronischem Schmerz, wenn er länger als sechs Monate andauert oder wiederkehrend auftritt, bei einigen chronischen Schmerzen beispielsweise bei Rückenschmerzen liegt dieses zeitliche Kriterium bei drei Monaten. Mit zunehmender Dauer wirken sich Schmerzen beeinträchtigend auf die Psyche, aber auch auf Familie, Freundeskreis und die berufliche Situation aus. Chronischer Schmerz kann sich also zu einem eigenständigen bio-psycho-sozialen Krankheitsbild, der Schmerzkrankheit, entwickeln.

Wie kann der chronische Schmerz diagnostiziert werden?

Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Entscheidend für die Diagnostik eines chronischen Schmerzes ist der interdisziplinäre Austausch mit allen, für das Schmerzproblem erforderlichen Fachdisziplinen. Dazu gehören medizinische Fachrichtungen, die spezielle Schmerzpsychologie und Schmerzphysiotherapie. Die diagnostische Vorgehensweise sollte mit diesen Fachdisziplinen sehr genau abgestimmt werden und vor allem sehr genau mit dem Patienten oder der Patientin kommuniziert werden, sie stehen im Mittelpunkt.

Wie sollte ein Behandlungskonzept bei chronischem Schmerz aussehen?

Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Auch die Behandlung chronischer Schmerzen sollte nach Möglichkeit interdisziplinär – unter Beteiligung schmerzmedizinischer, schmerzphysiotherapeutischer, schmerzpsychologischer Fachdisziplinen – angelegt werden. Je nach Ursache des Schmerzes sind weitere Fachrichtungen an der Diagnostik und Therapie beteiligt. Sie sollte multimodal sein, das heißt unter Anwendung verschiedener Behandlungstechniken. In unserem UKE-Schmerzzentrum stimmen wir die Behandlungsschritte mit den Fachdisziplinen ab, um eine multimodale Therapie umzusetzen.

Nun kann sich auch der seit Jahren bestehende chronische Schmerz plötzlich akut verschlimmern – wie kommt es dazu? Und wie kann man diesem Prozess entgegenwirken oder vorbeugen?

Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Für eine akute Verschlechterung eines seit Jahren bestehenden chronischen Schmerzes können diverse Ursachen verantwortlich sein. Das kann mit somatischen, also körperlichen Prozessen zu tun haben und mit psychischen Prozessen beziehungsweise Mechanismen, zumeist ist eine Wechselwirkung aus beidem verantwortlich. Wichtig ist in dieser Situation: Die Patientin oder der Patient wird angeleitet, eine genaueste Beobachtung der Einflussfaktoren vorzunehmen, beispielsweise wie kam es zu dieser Verschlechterung, welche Lebens- und Alltagsumstände, welche körperlichen Veränderungen sind dieser Verschlechterung vorausgegangen. Je genauer diese Faktoren festgestellt werden können, desto genauer kann bestimmt werden, ob eine weitere Schmerzdiagnostik und aufbauend darauf eine Schmerzbehandlung erfolgen muss. Daraus lassen sich die Maßnahmen herleiten, die diesem Prozess entgegenwirken oder mit denen man ihm vorbeugen kann.

Neben körperlichen Faktoren beeinflussen die aktuelle Stimmungslage, die Erwartungshaltung und die Aufmerksamkeit, die man dem Schmerz entgegenbringt, die Intensität des Schmerzes. Welche Rolle spielt die Psyche bei der Entstehung des akuten Schmerzes beim chronischen Schmerz?

Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Die Psyche spielt eine entscheidende Rolle bei der Schmerzverarbeitung. Unser Gehirn hat eine zentrale Funktion bei der Schmerzwahrnehmung und bei der Schmerzbeeinflussung, der sogenannten Schmerzmodulation. Es ist in der Lage, Reize aus der Peripherie des Körpers, beispielsweise nach einem Schnitt in den Finger, zu empfangen, zu entschlüsseln, zu vergleichen mit früheren Reizen, zu bewerten und abzuspeichern, also ein Schmerzgedächtnis anzulegen. Die Folge ist, es kann Schmerzreize unterschiedlich wahrnehmen lassen. Ob die Reize stärker oder schwächer wahrgenommen werden, hängt unter anderem von unserer Aufmerksamkeit ab, von unseren Gefühlen, Gedanken, unserem Verhalten im Zusammenhang mit dem Schmerz, sehr stark auch von unseren Erwartungen über den Schmerzverlauf. Unsicherheit, beispielsweise ausgedrückt durch den Gedanken „Was kommt da auf mich zu, kann ich den Schmerz beeinflussen?“, erhöht das Schmerzerleben. Sicherheit und Kontrolle kann hingegen Schmerzen unterdrücken. Eine akute Schmerzzunahme kann durch eigene schmerzpsychologische Techniken, die jeder erlernen kann, beeinflusst werden.

 

Über Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Das 1889 gegründete Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ist eine der modernsten Kliniken Europas und mit mehr als 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber in Hamburg. Gemeinsam mit seinem Universitären Herz- und Gefäßzentrum und der Martini-Klinik verfügt das UKE über mehr als 1.730 Betten und behandelt pro Jahr rund 507.000 Patientinnen und Patienten. Zu den Forschungsschwerpunkten des UKE gehören die Neurowissenschaften, die Herz-Kreislauf-Forschung, die Versorgungsforschung, die Onkologie sowie Infektionen und Entzündungen. Über die Medizinische Fakultät bildet das UKE rund 3.300 Mediziner und Zahnmediziner aus.

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