Angesichts der sich zuspitzenden Lage in Afghanistan fordert das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), humanitäre Korridore zu schaffen und zu sichern. „Über diese Korridore muss die Versorgung der notleidenden Bevölkerung durch Hilfsorganisationen aufrechterhalten werden“, sagt Karin Kortmann, Vizepräsidentin des ZdK. „Diese Korridore werden unter Umständen bald auch der einzige Weg sein, das Land auf einigermaßen sicherem Wege zu verlassen.“

Anrainerstaaten wie Tadschikistan oder Iran hätten jetzt eine wichtige Rolle. Um geflüchtete Menschen dort aufnehmen und versorgen zu können, sei Hilfe nötig, die nicht zuletzt aus Deutschland geleistet werden könne und müsse: „Die Bundesregierung muss ihre Anstrengungen an diesem Punkt verstärken. Wir müssen Vereinbarungen mit diesen Anrainerstaaten treffen. Geflüchtete müssen auch dort mit deutscher Hilfe rechnen können.“

Dass Caritas International in der aktuellen Lage Personal abziehe, sei verständlich, weil es auch um dessen Sicherheit gehe. Gleichzeitig sei die Arbeit von Hilfskräften aber aus Afghanistan nicht wegzudenken. Eine Rückkehr der Hilfsorganisationen sei gerade dann denkbar, wenn humanitäre Korridore eingerichtet würden.

Thomas Sternberg, Präsident des ZdK, fordert von den vorrückenden Taliban, religiöse Minderheiten ebenso zu respektieren wie die Menschenrechte. „Die humanitäre Katastrophe, die jetzt schon zu sehen ist, trifft besonders Frauen und Mädchen. Wir fordern, dass ihre Sicherheit, ihre Bildung und ihre Freiheitsrechte nicht eingeschränkt werden dürfen.“ Entscheidend sei auch, dass künftig die Arbeit christlicher Hilfsorganisationen wie Caritas International weiter möglich sei. Deutschland müsse sich selbstkritisch mit seiner Afghanistan-Politik befassen, so Sternberg weiter. Das fast 20-jährige Engagement im Bereich der vernetzten Sicherheit habe nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Eine Folge sei, dass sich Europa darauf einstellen müsse, dass deutlich mehr Geflüchtete aus Afghanistan um Asyl bitten würden. 

In der jetzigen Lage werde deutlich, dass das westliche Konzept von „nation building“ in Afghanistan gescheitert sei, so Kortmann. „Strategien zur Veränderung des politischen Systems nach westlichem Vorbild haben in Afghanistan versagt. Die Afghaninnen und Afghanen leben weiterhin in größter Unsicherheit, genießen keine politischen Freiheiten und haben keine Perspektive, die ihnen wirtschaftlichen Aufstieg verspricht.“ Sie habe vor 20 Jahren im Bundestag dem Afghanistan-Einsatz zugestimmt, nachdem sie lange skeptisch gewesen sei. Was sich nun zeige, sei der Misserfolg einer westlichen Strategie, die die zivilen, friedensfördernden Kräfte nicht ausreichend gestützt habe. Der Machtübernahme durch die Taliban könne die Bevölkerung und das afghanische Militär nicht mehr wirksam begegnen.

Das ZdK fordert eine öffentliche Debatte über Deutschlands Rolle in der Afghanistan-Frage. Dabei geht auch darum, wie Entwicklungspolitik und militärisches Engagement künftig aussehen sollen. In einer digitalen Podiumsdiskussion am kommenden Mittwoch, 25. August, 17 Uhr, wollen das ZdK und die Katholische Akademie Dresden-Meißen das Thema „Afghanistan – wie weiter?“ durch Expertinnen und Experten diskutieren lassen. Eine Einladung zur Veranstaltung mit weiteren Informationen erfolgt zeitnah.  

 

 

 

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